01 – Nell: Ankunft
16. November 1904
Das kleine Mädchen öffnete die Augen. Nur wenig Mondlicht fiel durch einen schmalen Spalt zwischen den Vorhängen und bildete ein Lichtschwert im von Dunkelheit erfüllten Kinderzimmer.
Ein Geräusch aus der Wohnstube hatte sie geweckt. Ein Kratzen und Ächzen, wie es jemand von sich gab, der eine schwere Last über den Holzboden zog.
Von Angst gepackt versteckte sich das junge Ding hinter der Bettdecke, aber sie verspürte den Drang, zu ihren Eltern zu laufen, denn da war sie sicher, fühlte sich beschützt und behütet.
Doch sie wagte es nicht, nach ihnen zu rufen, zu groß die Angst vor dem, was die Geräusche verursachte.
Leise rutschte sie aus dem Bett, öffnete die Zimmertür und blickte in den dunklen Flur. Unten konnte sie ihre Mutter hören, aber ihre Stimme klang so sonderbar, als versuche sie, ein Schluchzen zu unterdrücken.
Nein, sie hörte sich kränklich an, als wenn sie schlecht Luft bekommen würde.
Das Bedürfnis zu ihr zu gehen und sich in ihre Arme zu werfen wurde von Sorge und Angst genährt und es zwang das Mädchen dazu, die Treppe hinunterzuschleichen. Dort, am Fuß der Treppe, konnte sie in die Stube schauen. Sie sah hinein und das Bild, welches sich ihr bot, brannte sich für immer in ihr Gedächtnis.
Ihre Eltern lagen im silbernen Mondlicht reglos am Boden. Die Holzdielen waren von schwarzer Nässe bedeckt, in der sich der Mond spiegelte, und darin all seine Sanftheit verloren hatte. Wie ein boshaftes Auge starrte er aus der Flüssigkeit zu ihr herüber, als wenn er nur darauf gewartet hätte, ihr dieses Bild zu präsentieren.
Über ihren Vater beugte sich eine bösartige Kreatur, schwarz wie die Nacht, mit großen spitzen Ohren und abstehenden Haaren, welche im Mondlicht wirkten, als würde sein Schädel dampfen.
In der rechten Krallenhand hielt es einen Dolch, von dessen schlanker Klinge eine zähe, dunkle Flüssigkeit auf Vaters Körper tropfte. Mit der anderen Krallenhand wühlte der Teufel geschäftig in Vaters Kleidung, und suchte etwas. Ihre Mutter lag auf dem Bauch, ihre Hände zuckten unkontrolliert, und aus ihrer Kehle kroch ein schauriges Röcheln. Ihre letzten Atemzüge.
Lähmendes Entsetzen hielt das Kind gefangen. Es schnürte ihr die Kehle zu und raubte ihr den Atem. Sie versuchte zu schreien, aber nur ein Schluchzen kam über ihre Lippen.
Der Kopf der Kreatur zuckte bei jenem Geräusch hoch und sie starrte sie aus riesigen schwarzen Augen an, so schwarz wie der Himmel einer mondlosen Nacht.
Das Mädchen schrie und der schwarze Mörder sprang mit einem bösartigen Fauchen auf sie zu.
»Nell?«
Eine Stimme rief nach ihr. Wer war das? Ihre Eltern?
»Nell?« Aber sie waren doch tot. »Wachen Sie auf.«
Mit einem leisen Stöhnen öffnete sie die Augen und ein verschwommenes Gesicht erschien in ihrem Blickfeld. Wo war sie hier? Wer war der Unbekannte?
Nur sehr zäh wühlte sich ihr Bewusstsein durch den Traum und erlangte wieder die Gewalt über das Hier und Jetzt. Der harte Sitzplatz unter ihr rumpelte im Takt der Schienen und dicke Rauchwolken zogen am Fenster vorbei. Sie saß im Zug nach Fenhole, einer englischen Kleinstadt im nördlichen Suffolk.
Der Mann ihr gegenüber hieß Cole. Er war ein Mann um die dreißig, trug seine braunen Haare sauber gescheitelt und den Vollbart perfekt in Form geschnitten. Sein taubenblauer Anzug passte zu seiner Augenfarbe und seine gesamte Erscheinung wurde mit einem schwarzen Zylinder abgerundet. »Wir sind gleich da.«
»Bin wach«, nuschelte Nell und schob sich schnaufend in eine bequemere Position, damit ihr Rücken weniger schmerzte.
»Haben Sie schlecht geträumt?« Neben Cole saß seine Begleitung Diana, eine hübsche junge Frau, mit wasserblauen Augen und herrlich schönen roten Locken, welche ihre sanften Gesichtszüge wie ein Gedicht umflossen. Sie trug ein hochgeschlossenes blaues Kleid mit schwarzer Spitze und goldenen Blumenstickereien.
»Wie soll man hier vernünftig schlafen?«, brummte Nell, die schon jahrelang keinen guten Schlaf mehr genossen hatte.
»Wovon haben Sie geträumt?«, wollte Diana wissen.
»Dass der Zug entgleist.«
»Oh, das bereitet mir auch stets Sorgen, wenn ich Zug fahre«, stimmte die Rothaarige zu, und bohrte nicht weiter nach. Nell hatte nicht vor, ihr oder Cole vom Mord an ihren Eltern zu erzählen. Sie kannte beide erst knapp drei Stunden. Beide hatten am Bahnhof in Windchurch über die Vorfälle in Fenhole gefachsimpelt. Cole war ein privater Ermittler und war wohl vom Chief Constable persönlich nach Fenhole geladen worden und Diana war seine, ja, was eigentlich? Assistentin? Sie befasste sich mit Mordopfern und untersuchte sie. So viel hatte Nell bisher erfahren.
Jedenfalls hatte es in Fenhole wohl Morde gegeben, welche einer genaueren Untersuchung bedurften.
Normalerweise interessierte sich Nell für solcherlei Dinge nicht. Für sie gab es wichtigere Probleme. Geldmangel zum Beispiel. Sie war pleite, hatte die letzten Tage nur von Brot und Suppe gelebt und zuletzt ihre Wäsche in einem Bach gewaschen, inklusive sich selber. Inzwischen nagte der Verschleiß an den Stiefeln und ihren Wurfmessern. Es war höchste Zeit, dass sie etwas Arbeit fand.
Die Arbeitssuche hatte sie nach Windchurch getrieben, um am Bahnhof die Tafeln für Arbeitsangebote durchzulesen. Bei der Gelegenheit hatte sie Cole und Diana unbeabsichtigt belauscht.
Es waren die Randbemerkungen der beiden gewesen, die Nell hatten hellhörig werden lassen. Riesige schwarze Hunde sollten in Fenhole ihr Unwesen treiben, groß wie Stiere und mit glühenden Augen.
Konnte das die erste heiße Spur sein? Mit sechzehn war Nell aus dem Waisenhaus ausgebüxt und hatte beschlossen, den Mörder ihrer Eltern auf eigene Faust zu finden. Der Entschluss war nun schon fünfzehn Jahre her und seitdem trieb es sie durch England ohne ihrem Ziel auch nur einen Zoll näher gekommen zu sein.
Kurz entschlossen hatte sie ihre letzten Schillinge zusammengezählt, auf ein etwaiges Arbeitsangebot verzichtet und hatte sich überwunden, Cole und Diana anzusprechen. Es war nicht so, dass sie Wert auf deren Gesellschaft legte, aber sie könnte über den Privatermittler an Hinweise gelangen, die sonst unerreichbar wären. Wie immer hatte sie es vermieden, Details von sich preiszugeben, denn die Erfahrung der letzten Jahre hatte sie gelehrt, über ihre Vergangenheit zu schweigen. Sie war oft genug ausgelacht worden, weil man sie für eine umherstreifende Irre gehalten hatte, die im Suff schwarze Teufel mit Krallen gesehen hatte. Irgendwann in der Zeit hatte sie ihr Vertrauen in die Menschen verloren und sie hatte sich entschlossen, ihre Ziele alleine zu verfolgen, ohne Verpflichtungen und ohne Rücksicht auf andere.
Sie sah aus dem Fenster, wo die ersten Gehöfte vorbeizogen. Bauernhöfe, Mühlen, Köhler, Gerber, all das, was innerhalb einer Stadt keinen Platz hatte.
»Waren Sie schon einmal hier?«
Nell schüttelte auf Dianas Frage den Kopf. »Nein. Noch nie.«
»Cole erzählte, dass es hier ein riesiges Moor geben soll«, sprach Diana weiter.
»Das größte zusammenhängende Moor in ganz England«, erklärte Cole beiläufig.
Es machte für Nell einen Unterschied, ob sie tausend oder zehntausend Acre durchsuchen musste. »Wie groß?«
»Genau weiß ich es auch nicht, aber mit der Kutsche muss man das Gebiet weiträumig umfahren und dann braucht es einen ganzen Tag, um die Dörfer auf der anderen Seite zu erreichen.«
»Und diese Hunde, die sollen aus dem Moor gekommen sein?«, fragte Nell gleich weiter.
Cole zuckte mit den Schultern. »Details kenne ich noch nicht. Ich weiß auch nur das, was in der Zeitung steht. Vielleicht eine unbekannte Tierart, die wegen irgendetwas aus ihrem Lebensraum vertrieben wurde.«
Hoffentlich nicht! Wegen normaler Hunde hatte sie nicht ihr letztes Geld für eine Fahrkarte ausgegeben. Wenn diese Spur auch auf einem Holzweg endete, dann würde sie wieder im Pferdestall schlafen und den Tieren die Futtermöhren stehlen müssen. »Aber sie sollen gigantisch groß sein.«
»Nun, gigantisch groß kann auch kalbsgroß bedeuten«, berichtigte Cole. »Irische Wolfshunde können eine Widerristhöhe von drei bis vier Fuß erreichen. Das ist sogar größer als manch ein Kalb.«
Unbewusst fing Nell an, mit ihrem Fuß zu wackeln. Sie wollte eigentlich keine Relativierungen von dem Ermittler hören, auch wenn sie schon Verständnis dafür hatte, das er logisch an seine Fälle heranging. Niemand glaubte an etwas Übersinnliches, was Nell immer wieder vor Augen führte, wie alleine sie mit ihrer Vergangenheit war.
»Augenzeugen bauschen ihre Berichte gerne sehr auf. Man kann bei so etwas getrost einige Zoll abziehen. Kalbsgroß ist für einen Hund immer noch enorm groß«, fügte der Ermittler noch hinzu.
»Für Irische Wolfshunde klein, wie wir eben gelernt haben«, warf Diana lächelnd ein.
»Ist aber trotzdem eine ziemliche Größe für ein Tier, das im Prinzip die ganze Zeit unbemerkt vor der Haustür gelebt hat«, beharrte Nell mit einer Prise Trotz.
»Das heißt nichts. Vor zwei Jahren wurde eine unbekannte Elefantenart entdeckt und so klein sind die auch nicht«, warf Diana ein.
Herrgott! Cole mit seinen Wolfshunden und jetzt gräbt die auch noch Elefanten hervor! Innerlich schnaufte Nell, aber sie sollte sich davon nicht entmutigen lassen. So lange es nur ein paar Augenzeugenberichte in der Zeitung gab, konnten sie sowieso nur wild spekulieren.
Sie zwang ihren Fuß zur Ruhe und sah ein paar Herzschläge lang aus dem Fenster, um auf andere Gedanken zu kommen.
Cole sprach von einem Moor, also ließ sie ihren Blick über die novembergrauen Weiden und Felder streifen, welche zwischen den einzelnen Gehöften zu sehen waren. Wie groß musste ein Moor sein, damit dort riesige Hunde leben konnten? Oder vielleicht noch mehr Kreaturen?
Obwohl sie es inzwischen besser wusste, keimte trotz allem immer die verzweifelte Hoffnung in ihr auf, dass sie irgendwo jemanden traf, mit dem sie über alle Geschehnisse reden konnte. Ohne Vorbehalte, ohne Voreingenommenheit, aber warum hatte sie gehofft in Cole und Diana solche Menschen zu finden? Für die waren das nur Märchen. Sie waren Realisten und die glaubten nur das, was sie sehen, anfassen, hören und messen konnten und alles andere existierte einfach nicht.
»Aber ihr seid doch wegen der Hunde hier?«, fragte Nell weiter, da sie darauf hoffte, über Cole an polizeiinterne Informationen heran kam. Jahrelang war sie im dunkeln getappt, aber sie war sich sicher, dass die Polizei viel mehr wusste, als sie vorgab.
»Um die Hunde kümmern wir uns auch«, bestätigte Diana, doch das ‚Aber‘ war nicht zu überhören. »Primär müssen wir uns mit diesen mysteriösen Mordfällen befassen, aber wir wissen schon, dass die Hunde in irgendeiner Weise damit zu tun haben.« Sie legte in einer freundschaftlichen Geste ihre Hand auf Nells. Das behagte ihr gar nicht und sie versuchte, irgendwie unauffällig ihre Hand wegzuziehen. Nell war zu lange eine Einzelgängerin gewesen, sodass sie oft nicht mehr so recht damit umzugehen wusste, wie sie auf solche Gesten reagieren sollte. Taten Männer das, dann waren die meisten von ihnen auf Sex aus.
»Wir finden schon heraus, ob es dieselben Hunde waren, die Ihren Bruder getötet haben«, versprach Diana.
Bruder? Nell war für einen kleinen Moment irritiert, dann fiel es ihr wieder ein. Sie hatte den beiden in Windchurch irgendein Märchen erzählen müssen, warum sie an diesen Hunden so interessiert war. In der kleinen Lügengeschichte wurde ihr Bruder von Hunden schwer verletzt und auf dem Sterbebett behauptete er, dass der Hund eine riesige schwarze Bestie gewesen sei.
Nell hatte nie einen Bruder besessen und sie sollte sich besser merken, wem sie welches Märchen erzählte.
»Irische Wolfshunde hin oder her, dieses Rätsel knacken wir auch noch«, versprach Cole und sah nach draußen, als ein schrilles Pfeifen erscholl. Die Kernstadt mit ihren massiven Steinhäusern zog am Fenster vorbei und der Dampfzug verringerte seine Geschwindigkeit.
»Wir sind gleich da«, stellte Diana fest. »Wie gehen wir weiter vor? Suchen wir uns zuerst ein Hotel?«
»Wir treffen uns gleich nach der Ankunft mit einem Polizisten, der uns über die Fälle und den Stand der Ermittlungen aufklärt«, antwortete Cole.
»Von der Polizei hast du aber nichts gesagt«, merkte Nell sogleich unzufrieden an. Sie wollte über Cole zwar an das Wissen der Polizei herankommen, aber wenn möglich ohne persönlichen Kontakt zu denen. Der Ermittler sollte ihr diese Arbeit abnehmen, denn sie hatte genug schlechte Erfahrung mit der Polizei gesammelt. Das reichte für die nächsten zwanzig Jahre.
»Ich bin Privatermittler und wurde von Chief Constable Craven hergebeten. In seinem Brief stand, dass wir von einem Inspektor in Empfang genommen werden, welcher uns über alles Weitere informieren soll«, erklärte Cole.
»Kennst du den Chief denn?«, fragte Nell misstrauisch.
»Nun…«, antwortete Cole gedehnt.
»Also gar nicht.«
»Doch, doch, so ist das nicht«, widersprach Cole sofort. »Ich kenne den Chief Constable Craven. Wir hatten vor einigen Jahren schon miteinander gearbeitet, als ich für einen Kriminalfall hier in Fenhole war.«
»Da höre ich ein Aber«, bohrte Nell weiter.
»Craven legt viel Wert auf Diskretion und er möchte nicht, dass die Arbeit seiner Polizei in einem schlechten Licht steht«, erklärte Cole. »Der Chief Constable findet, dass es kein gutes Bild hinterlässt, wenn sich die Polizei Hilfe von außen holen muss. Jedenfalls ist er der Meinung, dass dies seinem Ruf schaden wird.«
»So einer also«, brummte Nell.
»Ich bekomme von ihm jegliche Unterstützung«, versicherte Cole und schmunzelte leicht. »Sie sollten wirklich etwas weniger misstrauisch sein.«
Nell rollte leicht mit den Augen, da sie nun wirklich keine Belehrungen nötig hatte.
»Craven mag ein komischer Kauz sein, aber der Fall liest sich sehr interessant«, erklärte Cole weiter, als müsste er seine Anwesenheit in irgendeiner Art und Weise rechtfertigen, »und wenn er sich meldet, dann ist die Lage ernst.«
Die Bremsen wurden gezogen und quietschend kam der Zug im Bahnhof von Fenhole zum Stehen.
Ein leichter Dunstschleier hatte sich über das große, imposante Bahnhofsgebäude gelegt und vermischte sich nun mit Qualm und Dampf. Im trüben Licht der kunstvoll geschmiedeten Gaslaternen drängelten sich Reisende mit Regenschirmen oder breitkrempigen Hüten auf dem Bahnsteig. Sie zogen die Schultern hoch und versuchten, rasch in das trockene Gebäude zu gelangen, oder kamen herangeeilt, um möglichst schnell in den Zug zu steigen.
»Jedenfalls hat Craven mir den Namen eines Polizisten gegeben, der uns in dem Fall zur Seite stehen wird«, beendete Cole seine Erklärung und erhob sich vom Sitz. Das Gepäck befand sich auf der Ablage über den Sitzen, wo er nun auch vorsichtig versuchte, zwei Koffer herunterzuziehen.
Herrlich, ein Polizist, der an uns kleben wird wie eine Klette, dachte Nell und holte ihren alten, abgegriffenen Seesack unter ihrem Sitz hervor. Sie richtete ihren langen schwarzen Zopf und zog den Mantel eng um sich, damit niemand ihre Messer am Gürtel erblickte.
Draußen auf dem Bahnsteig wurden sie sogleich von einer feuchtkalten Luft empfangen, in die sich Rauch, Qualm und der Geruch von Maschinenfett mischte. Sie drängten sich durch die Menschen am Bahnsteig und beeilten sich, in die trockene Bahnhofshalle zu gelangen. Dort drin sorgten zahlreiche elektrische Lampen für eine angenehme Helligkeit, sodass das triste Novemberwetter nur durch die großen Fenster zu sehen war.
Wie an vielen Bahnhöfen gab es auch hier Schwarze Bretter, an denen Arbeit angeboten und gesucht wurde, wo Ankündigungen, Veranstaltungen, Werbung und Ausschnitte aus der Zeitung zu finden waren und natürlich Fahrpläne.
Wie immer bildete sich an solchen Tafeln eine große Menschentraube. Männer und Frauen auf der Suche nach Arbeit, auf der Suche nach Veranstaltungen oder Neuigkeiten. Dazwischen versuchte ein alter, gebeugter Mann mit einem abgenutzten Besen dem hereingewehten Laub Herr zu werden.
»Hier irgendwo muss er sein«, murmelte Cole eher zu sich selber. »Er wollte uns hier abholen.«
»Wie heißt er denn?«
»Glenn Dellaware.«
Die einzigen uniformierten Männer waren Bahnhofsmitarbeiter. Aber die vielen Jahre auf der Straße hatten Nells Blick für Polizisten in Zivil geschult, sodass ihr der blonde Mann, mit markantem Schnauzbart und Grübchen im Kinn, an der Eingangspforte sofort auffiel. Das war ihr Polizist.
»Dort.« Nell machte ihre beiden Begleiter auf den Mann aufmerksam.
»Das muss er sein«, stimmte Cole ihr zu und schlug die Richtung ein.
»Mr. Miller Shepard?« Der Mann kam ihnen entgegen und schlug seinen Mantel etwas zur Seite, damit die Polizeimarke auf der Weste sichtbar wurde.
»Der bin ich.« Cole und der Polizist schüttelten sich die Hände. »Das sind meine Begleiterinnen Miss Diana Flanagan«, er zeigte auf Diana, dann auf Nell, »und Miss Nell?« Er sah sie fragend an, ob sie ihren Nachnamen nennen würde.
»Nur Nell.« Sie lächelte höflich. Ihr voller Name ging niemanden etwas an. Ihren Nachnamen hatte sie im Waisenhaus gelassen, damit sie möglichst keine Spur hinterließ. Damals aus Angst, Lorenzo könnte sie wieder einfangen lassen, später aus Gewohnheit.
»Sehr erfreut, Inspektor Glenn Dellaware«, stellte sich der Polizist vor und lupfte charmant seine Melone. Dass Nell ihren vollen Namen nicht nennen wollte, akzeptierte er anstandslos. »Chief Constable Craven hat mir schon von der erfolgreichen Zusammenarbeit mit der Windchurcher Polizei erzählt.«
Nanu? War dieser Cole ein Inspector? Nell kniff nachdenklich die Augen zusammen, schob den Gedanken dann jedoch beiseite. Für ihre Zwecke war es unerheblich, was Cole früher getrieben hatte.
»Es ist schon eine Weile her, dass wir uns zuletzt gesprochen haben. Wie geht es dem Chief Constable jetzt?«, fragte Cole.
»Nicht so gut. Die Vorfälle hier in der Stadt lassen die Bevölkerung langsam verrücktspielen. Wir haben alle Hände voll damit zu tun, Unruhen zu vermeiden.«
»So schlimm?«
»Es ist wie in einem Tollhaus. Vor zwei Tagen mussten wir einen Lynchmob stoppen, der wahllos Straßenhunde abschoss. Die Bürger der Stadt schaukeln sich gegenseitig hoch und verbreiten Gerüchte, dass sich ein Höllentor im Moor geöffnet habe und daher die mumifizierten Toten kommen. Jetzt haben die Menschen Angst, dass die Straßenhunde von Dämonen besessen seien.«
»Die armen Tiere«, murmelte Diana betroffen.
»Sie sagen es«, pflichtete Glenn ihr bei und wandte sich wieder Cole zu. »Sie müssen aber entschuldigen, dass Chief Constable Craven Sie nicht persönlich in Empfang nehmen kann. Er ist wirklich sehr beschäftigt.« Er deutete zur Bahnhofstür und bat seine Gäste ihm zu folgen. »Kommen Sie. Wir gehen aufs Revier. Dort erfahren Sie alles Weitere.«
Nell stieß die Luft durch die Zähne aus und folgte widerwillig.
Auch noch auf ein Polizeirevier! Darauf hatte sie wahrlich keine Lust. Zum einen sahen die von innen alle gleich aus und allesamt waren sie angefüllt mit den gleichen uniformierten Witzfiguren, auch wenn Glenn einen ganz kompetenten Eindruck machte. Trotz allem passte ihr das nicht, weshalb sie sich auf dem Weg nach draußen schon nach einer passenden Ausrede umsah.
Vor dem Bahnhof herrschte reger Verkehr, zahlreiche Pferde- und Dampfkutschen sammelten sich auf dem Vorplatz und dazwischen schoben, drückten und zwängten sich Passanten.
Sofort fielen Nell die Männer und Frauen in robuster Lederkleidung und warmen Mänteln auf. Nicht wenige trugen ihre Waffen sichtbar am Gürtel. Neben verschiedenen Flinten und Revolvern sah Nell auch Exoten wie Armbrüste, Pfeilpistolen und Netzwerfer.
Zum Urlaub waren die Männer bestimmt nicht hier.
»Hier sind aber viele bewaffnet«, murmelte Diana.
Dellaware nickte säuerlich. »Sie sagen es. Kommen Sie, ich erzähle Ihnen auf dem Revier davon.« Mit Blick zum trüben Himmel, aus dem unermüdlich Niesel herabfiel, ergänzte er: »Da sind wir im Trockenen.«
Nell musste nun abwägen, ob ihre Neugier groß genug war, um mit ins Revier zu gehen, denn den Grund der bewaffneten Meute hätte sie schon gerne erfahren. Oder genügte es, wenn sie sich später alles von Cole und Diana berichten ließ?
Glenn steuerte derweil die nächste Kutsche an.
»Zum Polizeirevier«, sprach er zum Kutscher und hielt die Tür für seine Gäste auf.
Nell blieb stehen, blickte sich um und entdeckte etwas weiter entfernt das Schild “Ironpan” an einem alten Fachwerkhaus.
»Ist das ein Gasthaus?«, fragte sie Dellaware.
Dieser blickte in die gewiesene Richtung. »Ja, ist es. Hat geräumige Zimmer, warmes fließendes Wasser und eine annehmbare Küche, aber ich glaube nicht, dass noch Zimmer frei sind.«
Das werde ich dort gleich herausfinden. Diana und Cole hatten noch keine Übernachtungsmöglichkeit, sodass Nell diese Gelegenheit nutzte, um der Polizei aus dem Weg zu gehen.
»Cole, Diana«, rief sie den beiden zu. »Ich kümmere mich um unsere Betten. Wir treffen uns nachher dort im Ironpan.«
»Wo?«, Diana stieg wieder aus und sah in die gezeigte Richtung. »Jetzt schon? Kommen Sie nicht mit?«
»Ich habe Hunger und brauche ein warmes Bad.« Das war noch nicht einmal gelogen. »Wir treffen uns dort später und ihr erzählt mir dann alles. Falls es keine freien Zimmer mehr gibt, komme ich aufs Revier.«
Cole zog seine Taschenuhr hervor und nickte dann. »Gute Idee. Sonst müssen wir noch in einer der Zellen übernachten.« Er zwinkerte den beiden Frauen zu.
»Die Pritschen sind aber sehr bequem.« Glenn grinste und zog die Tür zu, sodass Nell die Antwort darauf nicht mehr verstehen konnte. Es war auch nicht wichtig. Sie drehte sich um und beeilte sich das Ironpan zu erreichen.

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