02 – Cole: Der Fall

Die Kutsche rumpelte erst wenige Minuten über das nasse Pflaster, doch es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Unruhig trommelte Cole mit seinen Fingern auf seinem Koffer herum. Es brannte ihm förmlich unter den Nägeln, diesen Fall endlich anzugehen, denn er brauchte ihn mehr denn je. Es war seine letzte Chance und jede schweigsame Minute fühlte sich an, als wenn ihm diese Zeit bei den Ermittlungen fehlen könnte.
Seine Not war inzwischen so groß, dass er sogar die Frau mit genommen hatte, die er gedachte mit diesem Erfolg zu imponieren. Wenn er das hier nicht schaffte, dann war es endgültig vorbei und ein Zurück in sein altes Metier hatte er sich selber schon vor Jahren verbaut.
»Mr. Dellaware, ich möchte nicht drängen, aber was können Sie mir schon über den Fall berichten?«, begann Cole, da er nicht bis zum Eintreffen in der Polizeistation warten wollte.
Der Inspektor fuhr sich durch den Schnauzbart und winkte dann höflich ab. »Das steht alles in der Akte in meinem Büro. Alles wurde sauber chronologisch dokumentiert und steht Ihnen zur Verfügung.«
»Die werde ich auch lesen, aber mich interessiert Ihre persönliche Meinung. Sie haben an den Fällen gearbeitet und müssen doch eine eigene Einschätzung haben.« In Polizeiberichten stand nach Coles eigener Erfahrung eh nur das, was Vorgesetzte lesen wollten. Wer wirklich interessante Details hören wollte, musste entweder selber mit Zeugen reden oder aber hinter vorgehaltener Hand mit involvierten Polizisten sprechen.
Dellaware verstand sofort, worauf Cole hinaus wollte und zwirbelte kräftig seinen Schnurrbart, als versuche er seine innere Anspannung auf diese Weise förmlich herauszuzwirbeln.
»Sie wollen wissen, was ich dazu meine?«, vergewisserte er sich und haderte sichtbar wie jemand, dem oft genug kein Glauben geschenkt worden war.
Cole nickte. »Fühlen sie sich frei zu reden.«
»Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich von all dem hier halten soll«, begann er zögerlich.
»Warum?«
»Weil diese Mumien nicht zu erklären sind. Es dürfte sie gar nicht geben!«
Cole warf bei den Worten einen kleinen Blick zu Diana und hoffte, das sie etwas dazu beizutragen wusste. Natürlich wollte er sie nicht unter Druck setzen, denn die wunderschöne junge Frau war empfindlich und schüchtern. Eigenschaften, die man nie erwarten würde, wenn man sie an ihrem Arbeitsplatz besuchte.
Doch sie war sein Engel, seine Muse und der Leuchtturm in seinem aufgewühlten Leben. Den Weg in ihr Herz zu finden war sein einziger Ansporn, jeden noch so aussichtslosen Fall anzunehmen, in der Hoffnung doch noch ihr Interesse wecken zu können. Und wenn es nur ihr Interesse an den Leichen war, die Cole aus besonders kniffeligen Fällen auf ihren Seziertisch brachte.
Sie war die Tochter eines berühmten Arztes und ihre Ansprüche an einen künftigen Gatten hoch. Oder besser anders gesagt: Die Ansprüche ihres Vaters waren enorm hoch. An ihm führten nur viel Geld, oder eine großartige Karriere vorbei.
Nun, zum Glück war er jetzt nicht hier, sodass Cole auch die Chance auf ein Abendessen mit Diana witterte. Anders als in Windchurch, würde sie sich hier nicht hinter Ausreden verstecken können. Vielleicht war das die letzte Gelegenheit, wenn er diesen Fall nicht würde lösen können, war es endgültig aus und vorbei.
»Diana, meine Liebste, du kennst dich etwas besser aus«, forderte er sie sanft auf, sich an den Spekulationen zu beteiligen. »Wie können Mumien entstehen?«
Die Junge Frau blies die Backen auf und setzte zweimal zu einer Antwort an. Cole lächelte leicht, da er es hinreißend fand, wie sie nach den richtigen Worten suchte. Denn ähnlich wie Cole mochte sie es nicht, etwas Falsches zu sagen.
Doch Dellaware erlöste sie von dem Druck sich äußern zu müssen, indem er sich vorbeugte und beiden bedeutungsschwangere Blicke zuwarf. »Das sind keine normalem Mumien. Sonst hätte Mr. Craven einen Ägyptologen angefordert oder einen anderen Experten auf diesem Gebiet.« Er winkte Cole mit dem Zeigefinger näher, als fürchte sich der Inspektor selber vor seinen folgenden Worten: »Die Verstorbenen waren tags zuvor noch gesehen worden und keiner von ihnen wirkte, als wenn sie den Teufel im Nacken hätten. Am nächsten Morgen waren sie tot. Völlig ausgetrocknet, als wenn sie Jahre lang in Salz gelegen hätten.«
Innerhalb von zwölf bis vierundzwanzig Stunden mumifziert? Unmöglich!
Die simpelste Lösung war, dass jemand die Leichen ausgetauscht hatte, um eine falsche Spur zu legen. Aber Cole konnte sich nicht vorstellen, dass diese Tatsache nicht schon in Betracht gezogen worden war.
»Hat man denn Spuren von Salz gefunden?«, wollte Diana wissen.
Dellaware schüttelte den Kopf. »Gar nichts. Nur Staub.«
»Was für ein Staub?«
»Von den Mumien natürlich«, erklärte der Inspektor. »Sie waren so trocken, dass ihre Haut bei jeder Berührung brach und es… ähm… staubte.«
Cole sah Diana fragend an, ob sie mit dieser Beschreibung etwas anfangen konnte, aber auch sie tat sich vermutlich schwer mit dem angeblichen Zeitraum. Innerhalb eines Tages mumifizierte kein Erwachsener.
Es konnte also nur eine Fälschung sein. Doch diese Idee behielt Cole jedoch vorerst noch für sich. Es würde schon schwer genug werden, ratlos im trüben Teich zu fischen und gleichzeitig Diana zu imponieren. Schließlich würde sie alles ihrem Vater erzählen, der dann am Ende das letzte Wort haben würde, mit wem sich seine Tochter einlassen dürfe.
Wenn er also Theorien laut aussprach, dann mussten sie Hand und Fuß haben.
Diana beugte sich nun auch leicht dem Inspektor entgegen.
»Haben Sie schon in Betracht gezogen, dass es sich um eine Krankheit handeln könnte?«
»Eine Krankheit?« Glenn blickte sie besorgt an. Eine leichte Blässe breitete sich in seinem Gesicht aus und er sank zurück in seinen Sitz.
Ausgeschlossen. Cole war zwar kein Mediziner, aber er hatte noch nie von einer Krankheit gehört, die über Nacht sämtliches Wasser aus einem Körper trieb. Selbst wenn es so gewesen wäre, hätte es Spuren auf dem Boden gegeben.
Nach seiner Ansicht ließ sich alles logisch erklären, auch wenn er selber schon an so manchem Fall verzweifelt war. Täter konnte enorm einfallsreich werden, um ihre Spuren zu verbergen.
Der Inspektor schürzte die Lippen und fuhr sich erneut durch seinen Schnauzbart. »Sprechen Sie das Wort Krankheit aber nicht zu laut aus. Wir haben schon genügend Angst in der Bevölkerung. Zuletzt ging schon die Angst vor Flüchen um.«
Also das war nun wirklich abergläubischer Humbug. Cole schüttelte den Kopf. »Wer auch immer das Gerücht von Flüchen gestreut hat, gehört gefeuert.«
Dellaware grinste. »Das wird schwierig Richter McBridge zu feuern.«
»Der Richter schürt Angst vor Flüchen?«, fragte Diana ungläubig und sah aus dem Fenster, als könne sie den Übeltäter dort irgendwo entdecken.
»Wie kommt der Richter zu dieser Annahme?«, fragte Cole ebenfalls verwirrt. »Ist er so abergläubisch?«
Glenn schnaubte. »Das ist eine so verrückte Geschichte. Egon McBridge ist seit zehn Jahren unser Richter. Er war bisher immer ein bodenständiger Mann, der hart aber gerecht geurteilt hat. An so etwas wie Hexerei, Magie oder ähnlichen Firlefanz hat er nie geglaubt, aber plötzlich fing er an, sich darin richtig wohl zu fühlen.«
»Wann war dieser Wandel zu bemerken?«, fragte Cole weiter.
»Nun«, Glenn strich wieder durch seinen Schnauzbart. »Das ist gar nicht so genau zu sagen. Das hat sich im Laufe des Jahres irgendwie eingeschlichen.«
»Hatte der Richter denn einen Unfall oder etwas in der Art?«, fragte Diana. »Manchmal können Kopfverletzungen oder andere Traumata zu einem veränderten Verhalten führen.«
Glenn grinste wieder. »Das würde hier in der Stadt so einiges erklären, aber nicht das Verhalten von Mr. McBridge.«
Also wenn keine Geisteskrankheit vorlag, musste es einen anderen Auslöser gegeben haben. Geld zum Beispiel.
»Über die Wesensveränderung unseres Richters werden sie aber nichts in der Akte finden«, sagte Dellaware und winkte Cole erneut an sich heran, um mit verschwörerischer Stimme fortzufahren. »Meiner Meinung nach fing das etwa Anfang des Jahres an, als unser Bibliothekar Mr. Alliston aus gesundheitlichen Gründen in seinen verfrühten Ruhestand getreten ist.«
»Standen die beiden sich sehr nahe?«, wollte Cole wissen.
»Nein, eigentlich nicht. Die beiden waren richtige Streithähne. Das ging soweit, das unser Richter sogar Hausverbot in der Bibliothek erteilt bekam. Dann hörte Alliston auf und mit dem neuen Bibliothekar Mr. Woods verstand sich Richter McBridge auf Anhieb blendend. Man könnte meinen, die beiden würden sich aus früheren Tagen kennen«, erzählte der Inspektor. »Sie trafen sich anschließend regelmäßig in der Bibliothek und was auch immer die beiden getrieben haben, es hat unserem ehrenwerten Richter den Kopf verdreht. Seit dem begann er mehr und mehr von Geistern und Hexen zu reden.«
Sehr sonderbar. Wer hätte Vorteile davon, den Richter in einen abergläubischen Spinner zu verwandeln? »Vielleicht hat er sich in irgendetwas hineingesteigert. Es gibt genügend Märchen, die von irgendwelchen wahren Begebenheiten erzählen«, überlegte Cole laut.
»Wie diese Gruselromane mit verfluchten Puppen und so etwas?«, warf Diana ein.
»Zum Beispiel.« Allerdings war Cole nicht so töricht, das Verhalten des Richters als Zufall oder reine Leichtgläubigkeit abzutun. Wenn sich ein bodenständiger Mann plötzlich in irgendwelche Spukgeschichten hinein steigerte und dadurch die Angst in der Stadt befeuerte, dann musste dem nachgegangen werden. Aber ob dieser Mr. Woods irgendeinen Einfluss auf ihn ausübte, würde Cole erst bei einem persönlichen Besuch herausfinden.
Es wäre in seiner Erfahrungswelt aber nicht der erste Richter, der in irgendwelche Verschwörungen und korrupte Sackgassen abgebogen war. Meistens folgten sie verborgenen Mächten im Hintergrund und ließen sich fürstlich dafür bezahlen. Aber zu welchem Zweck sollte der Richter diese Unruhe verbreiten? Wer profitierte davon? »Hatte dieser Interessenwechsel einen Einfluss auf seine Arbeit als Richter?« Manchmal gaben schon die Urteile einen Hinweis darauf, wer im Hintergrund die Fäden hielt.
Dellaware verneinte und nickte anschließend, als könne er sich nicht entscheiden. »Er hat stets nach dem Gesetz geurteilt – bis das mit der Hexe begann.«
Hexe? Hatte Cole sich da grade verhört? Auch Diana schien verwirrt und sie beide tauschten fragende Blicke.
Sogar der Inspektor schien an seinen eigenen Worten zu zweifeln und rieb sich durch das Gesicht, als wenn all diesen Spekulationen ihn müde werden ließen.
»Ja das«, er seufzte schwer, »das habe ich auch nicht verstanden. Nancy war über sechzig Jahre lang unsere schrullige alte „Dorfhexe“ gewesen. Die Leute ließen sich die Karten legen, oder holten sich irgendwelche Zaubertränke, wenn die Hennen nicht genug Eier legten. Sie war völlig harmlos und ich glaube, die meisten gingen nur zu ihr, um sich die täglichen Sorgen von der Seele zu reden. Angeblich war sogar Sir Jones öfters bei ihr gewesen.«
Bei dem Namen klingelte es in Coles Hinterkopf. Der Name hatte in der Zeitung gestanden. »Sir Jones?«
»Das ist der Mann, der von den Hunden getötet wurde. Mit dem fing es überhaupt erst an in der Stadt zu eskalieren. Kurz darauf gab es dann die ersten Mumien und die Menschen verlangten einen Schuldigen.«
Da schloss sich der Kreis. McBridge befeuerte die Ängste vor Flüchen und Zauberei und präsentierte dann die stadtbekannte Hexe als Wurzel allen Übels. Cole sah aus dem Fenster und entdeckte auch gleich ein paar bewaffnete Männer auf den Gehwegen.
Offenbar hat die angebliche Schuldige die Bürger nicht lange befriedigt,
dachte er bitter. »Kann ich mit der Hexe reden?«, fragte er.
»Bedauerlicherweise nicht.«
»Warum?«
»Sie wurde getötet.«
»Wer hat sie umgebracht?«, fragte Diana. »Doch nicht etwa der Richter?«
Sogleich schüttelte Dellaware den Kopf. »Niemals. Hexe Nancy verschwand nur zwei Tage nach ihrer Verurteilung spurlos aus der Zelle. McBridge machte Craven die Hölle heiß und verlangte, dass die Hexe gefunden wird. Das war dann auch der Fall, nur leider nicht so, wie vom Richter gefordert. Man fand ihre Leiche im Moor.« Dabei strich er sich mit dem Finger über die Kehle und beschrieb auch ohne jegliches Wort das Schicksal der alten Frau. »Vor erst drei Tagen.«
»Keine Spur vom Mörder?«, fragte Cole.
»Nein. Gar nichts.«
»Kann ich die Leiche sehen?«, wollte Diana wissen.
»Leider nein. Sie wurde noch am selben Tag verbrannt.«
So schnell? Sehr ungewöhnlich. »Die Anklageschrift möchte ich gerne lesen«, bat Cole. Irgendwie hatte das einen miesen Beigeschmack. Niemand verschwand einfach so aus einer Zelle. Da hatte jemand nachgeholfen und Cole würde sein Auge darauf verwetten, dass es Mitwisser in der Polizei gab.
Der Inspektor nickte. »Liegt im Gericht. Dort können wir morgen hin.«
»Sind denn nach Nancys Tod weitere Menschen mumifziert?«, fragte Diana, was Dellaware verneinte.
»Die Mumien traten zwischen Sir Jones’ Ableben und Nancys Verurteilung auf. Aber da die Hunde nach wie vor gesehen werden, ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis es zu weiteren Vorfällen kommt. Es können manchmal ein paar Tage dazwischen liegen.«
»Was können sie über die mumifizierten Toten sagen?«, fragte Cole weiter. »Wer waren sie?«
Dellaware zuckte mit den Schultern. »Ganz normale Leute. Der Buchbinder Mr. Henson, seine Frau und ein paar Tage später Notar Flynn.«
»Gibt es Zeugen?«
»Ja und nein«, antwortete Dellaware. »Die Hensons hatten eine sechzehnjährige Tochter, die in der Nacht der Mumifizierung verschwand. Wir suchen seit dem fieberhaft nach Emily, finden aber nur vage Hinweise auf ihren Aufenthalt. Mr. Craven erhofft sich von Ihnen Mithilfe bei der Suche nach ihr, da sie eine sehr wichtige Zeugin ist.«
»Was macht sie so sicher, dass sie noch in Fenhole ist?« Nach all der Zeit konnte sie schon über alle Berge sein, sodass eine Suche im Umland zwecklos wäre.
»Es hat auf einigen der am Waldrand liegenden Bauernhöfen Diebstähle gegeben.« An einer Hand zählte Dellaware die betroffenen Höfe ab. »Die Morris Farm, Familie Stubbs, Familie Elliott und die Blue Marsh Farm.«
»Was wurde gestohlen?«
»Brot, Obst, Lebertran, Decken, Kohle, Streichhölzer, Apfelmost und Rauchwurst.«
Das waren alles Lebensmittel und nützliche Dinge, die man brauchte um in einem kalten Herbstwald zu überleben. Emily hatte nicht vor zu fliehen, also standen die Chancen gut, dass sie doch gefunden wurde oder selber zu der Einsicht gelangte, die Polizei aufzusuchen.
»Ich vermute, dass sie von dem Mörder beobachtet wird und sie sich deshalb nicht zurück in die Stadt traut. Aber wegen dem Nebel können Suchtrupps sie nicht finden«, äußerte Dellaware seine Vermutung über ihr Versteckspiel.
Dann entkräftete diese Tatsache jeglichen Verdacht gegenüber Nancy. Nach ihrem Tod wäre die Gefahr für Emily vorüber gewesen, doch da sie sich weiter versteckte, musste der Mörder noch frei herum laufen.
»Dieser Buchbinder Mr. Henson, hat der zufällig in der Bibliothek zu tun gehabt?«, fragte Cole weiter, da weiterhin der neue Bibliothekar in seinem Fokus stand.
»Sicherlich. Er hat dort gearbeitet.«
Na, was ein Zufall!
»In den Monaten vor Harry Hensons Tod hatte es in der Bibliothek öfters Probleme gegeben«, erzählte der Inspektor weiter. »Welche genau, das ist mir nicht bekannt. Harry hatte sich aber im Anschluss öfters krank gemeldet und war nicht mehr zur Arbeit erschienen. Gerüchten nach waren er und Mr. Woods nicht gut miteinander ausgekommen. Es war wohl sehr eskaliert, als Mr. Woods beschlossen hatte, die Privatsammlung von Alliston aufzulösen anstatt sie ihm in sein Altersdomizil nach zu liefern«, schilderte Dellaware weitere Ereignisse, die sich um den Buchbinder abgespielt hatten.
Also lebte der pensionierte Bibliothekar noch. Das war eine gute Möglichkeit, ihn über Mr. Woods und sein Verhältnis zum Richter zu befragen. »Wo wohnt Mr. Alliston jetzt?«, fragte Cole.
»Da müssen Sie Mr. Woods deswegen fragen. Er steht im Kontakt mit Alliston.«
Nun, dem würde Cole vorerst nicht unter die Nase reiben, dass er als Ermittler in der Bibliothek herumschnüffeln würde. Wenn Mr. Woods und der Richter unter einer Decke steckten, sollte Cole vorerst möglichst unauffällig unterwegs sein. Vielleicht gab es noch andere Mitarbeiter in der Bibliothek, die über Alliston Auskunft geben konnten.
Dann blieb da noch der andere Todesfall. »Und die andere Mumie? Was sagten Sie, ein Notar?«
»In der Tat Notar Flynn. Er starb zwei Tage nach den Hensons, doch beide hatten nie Kontakt und mit der Bibliothek hatte er auch nichts zu tun«, ergänzte Dellaware, als habe er Coles Gedankengänge lesen können. Das rüttelte durchaus an seiner Theorie. »Wurde Flynns Kundenstamm durchsucht?«
»Nein. Mr. Craven hat angeordnet vorerst nichts anzufassen. In ein paar Tagen kommt ein neuer Notar in die Stadt, der sich der Sache annehmen und alle Akten sichten wird.«
Das dauerte viel zu lange. »Was waren Flynns letzte Kunden?«
Dellaware winkte Cole wieder etwas näher und senkte erneut verschwörerisch die Stimme. »Sir William Jones und der Anwalt Mr. John Jones.«
Cole zog die Augenbrauen zusammen. »John Jones? War er mit William Jones verwandt?«
»Nein. Beide haben zufällig nur denselben Nachnamen. Aber ein weiterer Zufall ist, dass beide einige Wochen zuvor bei unserem Notar einen Termin hatten. Sir Jones wollte ein großes Stück Land im Moorgebiet kaufen um dort seine Pferdezucht weiter ausbauen. Auf eine ähnliche Idee kam Mr. John Jones, weshalb beide Männer in einen Streit geraten sind. Am Ende erwarb Sir Jones das Gebiet und wurde auf genau jenem Landstück von den Hunden getötet.«
»Interessant«, murmelte Cole und rieb sich nachdenklich durch seinen Bart. Damit schloss sich ein Kreis um diese Vorfälle. Was jetzt noch fehlte, war ein konkreter Hinweis, was Hunde und Mumien verbinden könnte. Flüche und Hexen halfen da nicht weiter.
»Nur einen Tag nach Sir Jones Dahinscheiden erschien wohl Mr. Jones erneut bei Mr. Flynn und beanspruchte das Landstück für sich. Doch Sir Jones hatte es längst vererbt«, fuhr Dellaware weiter fort.
»An wen?«
»Das muss ebenfalls in der Sir Jones’ Akte stehen. Die… «
»… noch nicht gesichtet wurde. Ich weiß.« Cole konnte seinen Unmut über die stümperhafte Polizeiarbeit nicht ganz verbergen. Wie kam Craven nur dazu, sämtliche Hinweise und Beweise liegen zu lassen und erst auf die Ankunft eines neuen Notars warten? Damit bekam der Mörder doch nur noch mehr Zeit seine Spuren zu verwischen! Cole würde sich also selber um diese Akten kümmern müssen. »Und kurz nach Mr. Jones’ Besuch verstarb also der Notar?«
»Ja, aber…« Dellaware rieb sich über den Nacken und suchte offenbar nach den richtigen Worten. Cole ahnte, dass gleich noch etwas sehr Wichtiges folgen würde, was er in der Fall-Akte wohl vergeblich suchen würde. »In der selben Nacht, in der Flynn ermordet wurde, beging Mr. Jones Selbstmord. Für meinen Geschmack ist das kein Zufall, dass sich Mr. Jones genau auf jenem Streitgrundstück erhängt hatte.«
Was ist dort vergraben? Gold? Öl?
Jetzt war es wichtiger denn je, dass Cole die Erben von Sir Jones’ Besitz heraus bekam. Er würde sein Auge darauf verwetten, dass er darüber eine Spur zu McBridge oder Mr. Woods würde finden können. »Wurde die Witwe Jones schon befragt?«
»Mr. Jones hat sich selber umgebracht, weshalb laut Craven keine Notwendigkeit darin besteht, in dieser Sache weiter zu ermitteln oder die Witwe in ihrer Trauer zu belästigen.«
Cole hob fragend eine Augenbraue. »Der Chief Constable sieht darin keine Verbindung?«, fragte er fassungslos. »Wo sind dann die Unterlagen von Mr. Jones? Warum ist dieses Grundstück so wichtig, dass zwei Männer deswegen starben?«
Dellaware hob hilflos die Schultern. »Das sind alles Dinge, die wohl noch in Mr. Flynns Büro liegen.«
Irgendwie hatte Cole die Polizeiarbeit von Fenhole ganz anders in Erinnerung. Damals hatte er den Eindruck einer hohen Kompetenz erhalten, aber das schien nun völlig abhanden gekommen. Selbst zu seiner Zeit als Constable wäre so einen Dilettantismus undenkbar gewesen! Warum ging hier niemand solch offensichtlichen Hinweisen nach?! Warum ergriff hier denn niemand mal die Eigeninitiative?!
»Hat die Polizei wenigstens heraus gefunden, warum sich Mr. Jones das Leben genommen hat?«
»Die Witwe Jones sprach davon, dass ihr Gatte in letzter Zeit sehr bedrückt und melancholisch gewirkt habe.« Glenn zuckte mit den Schultern. »Aber Mr. Craven befahl, dass wir sie vorerst nicht belästigen sollen. Wir haben nur davon gehört, dass es einen Abschiedsbrief gibt.«
»Wo ist er?«
»Bei Witwe Jones natürlich. Ich habe ihn nicht gelesen, jedoch Chief Constable Craven. Es war wohl die Rede von Geldsorgen und Trostlosigkeit.«
Craven verbietet verdächtig viel und bremst dadurch die Ermittlungen aus.
Alles um den Chief Constable schrie förmlich nach Vertuschung. Wenn auch er in die Morde involviert war, stellte sich Cole unverzüglich die Frage, warum er persönlich von Craven nach Fenhole gerufen wurde. Was erwartete Cravin wirklich von ihm?
Irgendwie drängte sich Cole das Gefühl auf, hier als Bauernopfer in die Schlacht geschickt zu werden. Sein Instinkt riet ihm, diesen Fall aufzugeben, da alles daran nach Falle schrie. Doch dann würde er alles verlieren. Nicht nur seine Karriere, sondern auch jegliche Hoffnung Dianas Herz zu erobern.
Ganz gefährliche Ausgangslage. Cole warf Diana einen Seitenblick zu. Die junge Frau lauschte interessiert, enthielt sich aber weitestgehend allen Spekulationen. Nein, ich muss das hier zu Ende bringen. Jedoch sollte er der Polizei vorläufig mit sehr viel Vorsicht begegnen.
»Wurde die Leiche obduziert?«, fragte Diana, nachdem Cole in Schweigsamkeit verfallen war.
»Nein«, antwortete Dellaware. »Witwe Jones lehnte es ab. Sie wollte nicht, dass ihr Mann aufgeschnitten wird – was auch ihr gutes Recht ist. Der einzige, der ihnen etwas zu den Leichen sagen kann, ist unser Bestatter Mr. Fridman. Er hat sowohl Sir Jones, Mr. Jones und die Hexe kremiert, als auch die drei Mumien.«
Und damit sämtliche Beweise vernichtet.
»Ich möchte mit ihm sprechen«, verlangte Diana.
»Sicherlich, meine Liebe«, antwortete Cole und lächelte.
Alles was du willst.
Die Kutsche hielt vor einem großen Backsteingebäude, welches wie ein dicker Klotz zwischen all den kleineren Fachwerkhäusern hockte. Schmale hohe Sprossenfenster säumten die Straßenseite und über der wuchtigen Flügeltür waren die Lettern »Fenhole Police Department« in Stein gemeißelt.
»Kommen Sie.« Glenn stieg aus der Kutsche und reichte Diana die Hand. Eine Hilfe, die Cole ihr gerne selber angeboten hätte, doch saß er dafür an der falschen Stelle in der Kabine.
Ein nasskalter Wind schlug ihm entgegen und er musste seinen Zylinder festhalten, bis sie das trockene Innere des Gebäudes erreicht hatten. Dort empfing sie der Lärm unzähliger erzürnter, ängstlicher oder besorgter Bürger, welche sich von der städtischen Polizei Hilfe und Gerechtigkeit erhofften. Es wurde sich beschwert, es wurde geschimpft, es wurde nach Strafe geschrien. Ein finsterer Schlägertyp fluchte und spuckte in alle Richtungen, während er gefesselt von Polizisten vorangestoßen wurde. Uniformierte wuselten durch das Gemenge, nahmen Anzeigen auf, hörten sich Beschwerden an oder versuchten zu schlichten.
Ein toter schwarzer Hofhund lag auf einem Tisch, umringt von mehreren Männern, die wild gestikulierten und sich gegenseitig die Schuld zuschoben.
Bei diesem Anblick war offensichtlich, dass Mr. Dellaware nicht übertrieben hatte. Das Polizeirevier war wirklich zu einer Irrenanstalt geworden. Dabei hatte sich Cole schon ein wenig darauf gefreut nach all den Jahren wieder in dem aufgeräumten Großraumbüro zu stehen.
Aber nun sah man vor Menschen die andere Wand nicht mehr. Ein besonders großer und fülliger Mann mit Doppelkinn und Halbglatze polterte los und stieß einen Polizisten zu Boden. Sofort schrillten Pfeifen und zwei weitere Polizisten eilten herbei, um mit ihren Knüppeln auf ihn einzuschlagen.
Besorgt sah Cole zu Diana, die versuchte den vielen wütenden Menschen auszuweichen und den Koffer fest an sich drückte, als wenn er ihr einziger Schutzschild zwischen sich und den finsteren Gestalten wäre. Das hier war kein Ort für eine junge schöne Frau wie sie und es tat ihm schon ein wenig Leid, sie mit her genommen zu haben. Schützend trat er neben sie und behielt die aufgebrachte Menge im Auge, während sie Mr. Dellaware eine Treppe hinauf in einen langen, vertäfelten Flur folgten.
Zahlreiche schmucklose Türen wechselten sich auf beiden Seiten ab, bis der Inspektor schließlich vor einer stehen blieb und aufschloss.
»In der Fall-Akte finden sie alles, was offiziell von der Polizei aufgenommen wurde.« Er drehte sich noch einmal zu Cole und Diana. »Zu der Sache mit der Jagd komme ich auch noch. Ich kann euch aber jetzt schon sagen, dass Craven kurz davor steht seinen größten Fehler zu begehen.«

Leave a comment