03 – Nell: Kleine Lügen
Nell steuerte zügig das Gasthaus an und hoffte, dass die Zimmer nicht im Voraus bezahlt werden mussten, sofern überhaupt noch welche frei waren. Unabhängig von den kommenden Erkenntnissen, würde sie sich eine Arbeit suchen müssen, wenn sie die nächsten Tage über die Runden kommen wollte.
Verdammt! Sie hasste es, ohne finanzielle Mittel dazustehen.
Auf dem Weg schätzte sie die vorbeieilenden Passanten dahingehend ab, wo diese ihre Geldbörsen versteckten. Taschendiebstahl war eine leichte und effektive Methode, um schnell an Geld zu kommen, man durfte sich nur nicht erwischen lassen.
Vor dem Hotel fiel ihr eine Gruppe Männer ins Auge. Deren Stiefel waren schlammverschmiert und die Hosen dreckig. Jeder von ihnen schulterte ein Gewehr und trug reichlich Munition in sichtbaren Patronengurten mit sich. Es wirkte seltsam, dass sich derart bewaffnete Männer hier mitten auf dem Gehweg unterhalten konnten, ohne dass sich Passanten daran störten. Klar, Nell war auch stets bewaffnet unterwegs, aber sie würde niemals auf die Idee kommen, ihre Wurfmesser so öffentlich zu präsentieren.
»Ich sag euch, ich geh gleich wieder los. Diese Biester müssen irgendwo sein«, rief grade ein großer stämmiger Mann mit abgenutztem Porkpie Hut.
»Lass es, Walter.« Ein alter Mann mit langem Rauschebart und knarrender Raucherstimme redete auf Walter ein. »Warte doch ab. Morgen früh ist die große Jagd.«
»Das sagst du!« Walter spuckte aus. »Da draußen hab ich meine Rinder!«
»Walter, die Hunde haben in den letzten Wochen nicht ein einziges Stück Vieh gerissen«, redete der Rauschebart weiter auf ihn ein. »Tu nichts Unüberlegtes.«
»Hör auf Greg!« Ein Mann mit schulterlangen schwarzen Locken und Dreitagebart ergriff das Wort. »Morgen gehen mindestens dreißig Mann aus dem Viertel zur Jagd und treten den Hunden in den Arsch.«
Nell war an der Tür stehen geblieben und tat so, als wenn sie das Tagesmenü studieren würde, welches neben der Hoteltür auf eine Schiefertafel geschrieben stand.
So, morgen soll es eine Jagd auf diese Hunde geben. Da bin ich genau zum passenden Zeitpunkt hier angekommen.
»Dreißig? Das ist doch lächerlich.« Walter spuckte wieder aus. »Die Sümpfe sind riesig, meinst du wirklich, wir bekommen eines dieser Viecher vor die Flinte?«
»Bist du blind? Sieh dich mal um!« Der Schwarzhaarige deutete zum Bahnhof. »Ich fress’ mein Gewehr, wenn das morgen nicht hundert oder sogar zweihundert Mann sind.«
»Ja, zweihundert Mann, die in dem verdammten Nebel keinen einzigen Hund treffen werden«, widersprach Walter energisch.
»Das sind keine Zwergpudel«, sprach Greg. »Das sind riesige Bestien direkt aus der Hölle. Vertrau in Gottes Führung.«
»Macht ihr doch, was ihr wollt.« Walter wandte sich zum Gehen. »Ich gehe zu meiner Weide und wenn sich irgendein schwarzes Biest da blicken lässt, durchlöchere ich dessen Fell.«
»Der Herr wird dich führen, vertraue darauf!«, rief Greg ihm noch nach und sah den Schwarzhaarigen kopfschüttelnd an. Dieser hob nur die Achseln und blickte stattdessen zu Nell herüber.
Ertappt zuckte sie zusammen, huschte in das Hotel und stand sogleich in der leeren Gaststube. Es roch nach altem Fett, Bier und Holzofen. Alles hier wirkte schon recht abgenutzt und staubig. Die Treppenstufen ausgetreten, die Petroleumlampen trüb und die Möbel abgegriffen und fleckig. Nobel war anders, dennoch war es hier auf eine ganz eigentümliche Weise gemütlich.
Namensgeber des Gasthauses waren die zahlreichen Pfannen, die in unterschiedlichen Größen, Farben und Formen die Wände schmückten. Unter jeder Pfanne hing ein kleines Messingschild mit einem kurzen Text. Neugierig ging Nell zu einer alten schwarzen Pfanne mit schiefem Griff und las den Einzeiler der darunter stand. “Duell Pfanne gegen Kopf. Pfanne hat gewonnen.” Nell schmunzelte.
»Kann ich Ihnen helfen?« Leise war ein dicker Mann mit buschigen grauen Koteletten und ebenso buschigen Augenbrauen aus der Küche aufgetaucht.
»Haben Sie noch Zimmer frei?« Nell ging einfach davon aus, dass der Mann der Besitzer des Hotels war. Er trug eine saubere Samtweste und darunter ein weißes Leinenhemd, was ihn nicht grade wie einen Koch aussehen ließ.
»Nicht mehr viele«, antwortete der Mann, ging hinter den Tresen und öffnete ein großes schwartiges Lederbuch.
»Nachdem Chief Constable Craven diese Jagd ausgerufen hat, kommen in den letzten Tagen zahlreiche Jäger in die Stadt.«
»Was ist an dieser Hundejagd so besonders?« Nell setzte sich auf einen der vielen Barhocker und wackelte mit ihrem Po ein wenig hin und her, um sich von der Stabilität zu überzeugen.
Der Mann sah verwundert auf. »Sie haben noch nichts davon gehört?« Er musterte Nell, wie sie da saß mit ihrem alten Seesack und der abgetragenen Kleidung. »Weshalb sind Sie hier in die Stadt gekommen?«
Nell überhörte die Frage des Mannes, das ging ihn nichts an. »Gibt es denn eine Belohnung?«
»Klar. Fünfzig Pfund Sterling für jeden schwarzen Pelz.«
»Fünfzig Pfund?!« Das war für manche Handwerker ein ganzer Jahreslohn! Wenn ihre Spur hier doch im Sande verlaufen sollte, dann hätte sie zumindest fünfzig Pfund Sterling verdient und ihre Geldsorgen hätten sich verflüchtigt. Damit könnte sie sich neue Stiefel kaufen, neue Kleidung und neue Waffen!
Und alleine die Tatsache, dass so eine Belohnung ausgerufen wurde, zeigte, dass an den Gerüchten mehr dran war als bloße Übertreibung.
Oh, Nell, das klingt mehr als vielversprechend!
»Wie kommt man dazu, so viel Geld für einen toten Hund zu bezahlen?« Vielleicht wusste der Besitzer vom Ironpan mehr.
»Weil das keine normalen Hunde sind.« Die Antwort kam von der Tür.
»Und das weiß man woher?«, fragte Nell im langsamen Herumdrehen. Es war der Mann mit den schwarzen Locken, der zuvor noch in der kleinen Gruppe gestanden hatte. Er trug eine beigefarbene Jeans und hatte neben seinem normalen Gürtel auch einen Patronengurt lässig um die schmale Hüfte gebunden. Die oberen Hemdknöpfe hatte er geöffnet und präsentierte jedem seine Brusthaare. Über all dem trug er einen verschlissenen Parka mit Fellapplikationen an Kragen und Rücken, was ihn wie einen Einsiedler aussehen ließ, der in einem Zelt in der Wildnis wohnte und sein Geld damit verdiente, Fährten zu lesen und Kaninchen mit bloßen Händen zu jagen.
»Diese Biester sind riesig. Größer als das Scheiß-Ego des Richters!« Er setzte sich ungefragt neben Nell und legte dabei sein schweres, doppelläufiges Gewehr auf den Tresen. Dieses war überraschend edel und schien sehr wertvoll zu sein. Es passte so gar nicht zum Erscheinungsbild des Mannes. »Ein Bier, Quinn«, bestellte er beim Dicken.
»Moment.« Dieser hob die Hand und wandte sich an Nell, da sie zuvor nach einem Zimmer gefragt hatte. »Doppelzimmer? Einzelzimmer? Wir haben nur noch zwei Doppelzimmer und ein Einzelzimmer frei. Ansonsten sind wir leider schon voll.«
»Das Einzelzimmer und ein Doppelzimmer«, sagte Nell gleich. Quinn sah sie fragend an.
»Ich bin mit zwei, ähm, Kollegen hier, die noch etwas zu erledigen haben, aber später hierherkommen. Ich sollte mich schon mal um die Zimmer kümmern.«
»Auf welchen Namen?«
Die Lüge kam schneller über Nells Lippen, als ihr lieb war. »Miller Shepard.«
»Vollständiger Name?«
»Nell Miller Shepard.« Warum hatte sie Cole nun mit hineingezogen? Sie hätte auch irgendeinen beliebigen Nachnamen nennen können, niemand hätte es auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen können.
Quinn schob ihr das dicke Buch hin und zeigte auf die Stelle für eine Unterschrift.
»Wie lange wollt ihr bleiben?«, fragte er weiter.
»Erst mal vier Tage.«
»Dann bekomme ich im Voraus drei Schilling. Bei Abreise weitere neun Schilling.«
Verdammt! Jetzt musste irgendeine Ausrede her, mit der sie sich um das Geld drücken konnte.
Sie lächelte entschuldigend und blickte Quinn mit großen Augen an.
»Mein Mann hat leider meinen Koffer«, log sie.
Quinn atmete tief ein, stützte sich mit beiden Händen auf der Holzfläche ab und sah Nell mit hochgezogenen Augenbrauen an. Solche Storys hörte er wohl des Öfteren und Nells Augenaufschlag schien bei diesem Geschäftsmann nicht zu fruchten.
Oh, Nell, verspiel´ dir nicht das warme Bad. Schnell sprach sie weiter, bevor ihr Zögern die Lüge enttarnte.
»Mein Mann ist noch auf dem Polizeirevier, um sich weitere Details geben zu lassen. Er ist nämlich wegen dieser Mumienmorde hier, nicht wegen der Hunde.«
»Mumienmorde?« Quinns eine Augenbraue rutschte nach unten, während die andere stramm hochgezogen blieb.
»Sie meint die Mumifizierungen«, erklärte der Gast neben ihr. Nell nickte eifrig zustimmend.
»Ach so und ihr Mann …«, Quinn legte eine Pause ein, wobei er seinen Blick über Nells Hände streichen ließ, wo Verheiratete stets einen Ehering zu tragen pflegten. Nell besaß nichts dergleichen. Daran hätte sie vielleicht denken sollen, bevor sie wieder mit ihren Notlügen um sich warf. Handschuhe an und das Thema hatte sich erledigt. »…der kommt gleich vorbei?«, fuhr Quinn mit seiner Frage fort.
»Ich trage auf Reisen keinen Schmuck, falls Sie das meinen.« Nell behielt ihr Pokerface bei und lächelte entschuldigend. »Sie wissen schon, wegen Dieben. Als Frau muss man aufpassen.«
Quinn atmete tief ein und man sah ihm deutlich an, dass er von der Geschichte gar nichts hielt. »Und das soll ich Ihnen abkaufen? Miss, Sie sind nicht der erste schräge Vogel, der hier mit »Mein Mann, Meine Frau, Meine Mutter« und so weiter ankommt und etwas schnorren will.«
Der Unbekannte neben ihr lachte amüsiert.
»Lass gut sein, Quinn. Ich spendier’ der Frau den Vorschuss. Nachher kommt schließlich ihr Mann und gibt mir mein Geld zurück. Nicht wahr?« Er warf Nell dabei einen amüsierten Blick zu, wobei sie sehr wohl die unterschwellige Warnung heraushörte. Ein Wohltäter war er nicht, so viel war klar. Wenn sie ihm das Geld nicht schnellstmöglich zurückzahlte, würde er irgendwelche Gefälligkeiten einfordern.
Nell tat aber erleichtert. »Oh, vielen Dank Mr. …?«
»Victor Ravenwood«, stellte sich der Unbekannte vor, holte drei Schilling hervor und reichte sie an Quinn weiter.
»Frauen werden nochmal dein Verhängnis«, brummte dieser und legte die zwei Schlüssel auf den Tresen.
»Dann wird es ein schönes Verhängnis. Wo bleibt mein Bier?«
Quinn schloss das Buch und kümmerte sich um Victors Bestellung.
»Also, Mr. Ravenwood.« Nell versuchte, möglichst schnell von der unangenehmen Situation abzulenken. Sie würde später noch genug Ärger bekommen, wenn Cole von ihrer mehr oder weniger kleinen Notlüge erfahren würde.
»Einfach nur Victor«, korrigierte dieser.
»Was sollen das für Hunde sein?«
»Na ja, sehr große und blutrünstige. Tauchten das erste Mal vor drei Wochen auf«, antwortete er.
»Erst vor drei Wochen?«
»Vorher rannte einem höchstens ein Fuchs oder ein Wildschwein vor die Flinte. Und dann waren da plötzlich diese riesigen Viecher. Glühende Augen, tiefschwarzes Fell.«
»Und das glauben hier alle? Glühende Augen?« Nell stellte ihre Fragen nun möglichst unvoreingenommen. Sie wollte die ehrlichen Details der Einheimischen hören.
»Nun ja, normalerweise hätte niemand so einen Blödsinn geglaubt. Bis zum ersten Mord. Da wurde dieser Sir … Sir … ach, wie hieß der stinkreiche Drecksack noch?«
»Sir William Jones«, half Quinn aus.
»Der wurde bei einer Fuchsjagd von den Hunden erwischt. Wurde völlig zerfetzt. Die haben seine Einzelteile über dreihundert Fuß im Sumpf zusammensuchen müssen.«
»Hat jemand gesehen, dass es die Hunde waren?«, fragte Nell weiter. Die Story schien wirklich vielversprechend. Zeitungen übertrieben auch mal, um möglichst viel zu verkaufen, aber bis jetzt deckten sich die Aussagen.
»Nein. Aber die Bisswunden am Pferd sprachen dafür. Jones haben sie richtig auseinandergenommen. Aber nicht gefressen.«
Quinn stellte das Bier auf den Tresen und blieb bei den beiden Gästen stehen, um mitzureden.»Das Pferd wurde von der Meute aber kaum angerührt. Nur totgebissen.«
»Gaul schmeckt auch nicht«, sagte Victor und grinste. »Besonders diese grauenvolle Pferdewurst, die du hier immer auftischst.«
»Oh, Mr. Ravenwood isst seit Neustem nur noch Stör im Mohnmantel?«, feixte Quinn.
»Auf jeden Fall! Warum hast du keinen Stör im Angebot?«, sagte Victor fröhlich grinsend.
»Morgen gibt’s Karpfen«, antwortete Quinn.
Victor verzog das Gesicht und schüttelte sich »Würg! Das ist ja noch schlimmer! Ekelhaft!«
Der Wirt rollte mit den Augen, wobei Nell ungeduldiger wurde, weil ihre beiden Informationsquellen vom Thema abschweiften.
»Vielleicht wurde die Meute gestört?«, redete sie schnell weiter, bevor Quinn noch mehr zum Karpfen sagen konnte.
»Wäre das eine wilde, hungrige Hundemeute gewesen, dann hätten sie ihre Beute zumindest teilweise aufgefressen. Aber angeblich haben sie den Jones in Einzelteilen aus dem Moor getragen«, erzählte der Wirt.
»Ich vermute, dass jemand die Hunde auf ihn gehetzt hat. Dieser geldgierige Sack Sir Jones hatte genügend Feinde«, brummte Victor.
»Das fällt doch auf, wenn jemand riesige Hunde züchtet«, entgegnete Nell.
»Das Moor ist groß. Da gibt es genug Möglichkeiten, sich zu verstecken.« Auch Quinn schloss diese Möglichkeit nicht aus. »In Old Fenhole zum Beispiel.«
»Old Fenhole?«, hakte Nell nach.
»Das ist eine Ruine irgendwo in den Sümpfen, hab sie aber selber noch nie gesehen«, erklärte Victor.
»Warum? Gibt es keine Wege dorthin?« Victors Aussehen sprach dafür, dass er viel in der Wildnis unterwegs war. Er musste sich doch auskennen. Nicht, dass eine alte Ruinenstadt wirklich von Interesse war, aber womöglich war an der Theorie etwas dran, dass die Hunde von dort kamen.
Die Antwort darauf kam von Quinn. »Als sich das Moor vor fünfundzwanzig Jahren weiter ausgebreitet hat, sind die Pfade zum alten Fenhole verschwunden. Ohne Wege und ohne Karte ist es zu gefährlich geworden und wegen des Nebels hat man sich nach wenigen Schritten sowieso verirrt«, erklärte er. »Sogar unsere erfahrenen Torfstecher und Jäger, die früher blind in die Ruinen gefunden haben, laufen im Kreis. Sie sagen, es sei wie ein Fluch, der über dem Moor liegt.«
»Genau, Flüche. Bald noch Hexen auf Besen«, murmelte Victor sarkastisch.
»Was hat das mit dem Nebel auf sich?«, wollte Nell wissen. Nebel war nun nichts Ungewöhnliches für ein Moor, aber so wie sich die beiden anhörten, glaubten sie, dass eine übernatürliche Macht dahintersteckte.
»Mrs. Miller Shepard, das ist eines der großen Rätsel hier in Fenhole«, begann Quinn mit geheimnisvoller Stimme zu erzählen. »Vor etwa fünfundzwanzig Jahren zog im Old Fenhole plötzlich Nebel auf und der Boden sank ab.«
»Der Boden sank ab?«
»Laut Wissenschaftlern wurde Old Fenhole auf weichem Grund gebaut. Damals, als Old Fenhole erbaut wurde, war das Moor nur so ein kleines Wasserloch, an dem Torf abgebaut wurde. Dann wurde wohl irgendeine Quelle angestochen, Wasser trat aus und die ganze Gegend versumpfte. Das ist jetzt bestimmt zweihundert Jahre her. Das Land war aber fruchtbar, also siedelten die Menschen um und bauten weiter südlich das heutige Fenhole.«
»Das interessiert doch niemanden. Erzähl ihr vom Nebel«, warf Victor dazwischen.
»Ich erzähl doch schon!«, raunzte Quinn ungehalten zurück. »Jedenfalls hatte man sich mit dem Moor arrangiert. Aber vor fünfundzwanzig Jahren sank der Moorboden erneut ab und gleichzeitig zog der Nebel auf. Wissenschaftler waren hier und haben erklärt, dass irgendeine unterirdische Kammer eingestürzt sei, aus der nun Erdgas austritt, das an der Oberfläche diesen Nebel bildet.« Er hob die Hände. »Das ist die offizielle Erklärung. Aber es wird gemunkelt, dass Hexerei im Spiel sei.«
»Ach, hör auf mit deiner Hexerei«, schnaubte Victor.
Wenn Nell es nicht besser wüsste, würde sie das auch für Humbug halten.
»Viele haben damals die Männer und Frauen im Moor gesehen«, beharrte Quinn. »Hexen und Hexer, die dort ihre unheilvolle Zauberei an den Menhiren betrieben haben.«
»Suffgespenster«, brummte Victor.
»Du bekommst gleich nichts mehr zu saufen, wenn du dich weiter über mich lustig machst«, maulte Quinn.
»Welche Menhire?«, fragte Nell dazwischen.
»Na, der Steinkreis, der das ganze Moor umschließt«, erklärte Quinn weiter. »Riesige aufrecht stehende Steine. Dort hat man angeblich vor fünfundzwanzig Jahren Männer und Frauen umhergehen sehen und ich sage, das ging damals nicht mit rechten Dingen zu, denn kurz darauf war der Nebel da. Ich sag euch, da war Hexerei im Spiel, ich hab das selber miterlebt! Da hat sich ein Höllentor aufgetan, aus dem jetzt diese Bestien in unsere Stadt einfallen.«
Victor stützte sein Kinn in seine Handfläche und grinste Quinn auf eine Weise an, wie ein Großvater, der einer abenteuerlichen Geschichte seines Enkels lauschte. »Glaub du mal deine Geschichte, ich bleib bei der offiziellen Version und dass jemand seine Hunde im Moor versteckt.«
Nell wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Wenn niemand nach Old Fenhole gelangen konnte, wie sollten dann die Hunde hinfinden? Die hatten sich bestimmt keine fünfundzwanzig Jahre lang dort versteckt und den Weg zurück erst jetzt gefunden. »Und ihr glaubt, dass in den Ruinen jemand wohnt, der riesige Hunde züchtet?«
»Wo sollen sie sonst herkommen?«, fragte Victor zurück. »Jeder hat Angst und seit dem Mord an Jones sieht man die Biester in der Dämmerung im Wald herumschleichen.«
»Als ob die da etwas suchen«, fügte Quinn geheimnisvoll hinzu.
»Ja, genau. Einen Fluch«. Wieder grinste Victor.
»Mach so weiter und ich streiche auch den Schnaps von deiner Liste«, murrte Quinn, dem es nicht passte, dass Victor alles irgendwie ins Lächerliche ziehen musste.
»Und was haben die Hunde sonst noch getan, noch jemanden getötet?«, fragte Nell weiter.
Quinn winkte sofort ab. »Nein, nein! Aber die haben ihre Scheu verloren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die anfangen Kinder zu reißen. Zuletzt fingen einige Revolverhelden an, auf alle schwarzen Hunde zu schießen, die ihnen vor die Flinte kamen.«
»Seitdem gibt’s in Fenhole keine schwarzen Hofhunde mehr«, sagte Victor ohne viel Mitleid. Quinn warf ihm einen verständnislosen Blick zu, denn arme Hunde abzuschießen war nun wirklich nichts, worüber man sich amüsieren sollte.
»Chief Constable Craven beschloss daher, diese Jagd auszurufen. Die Hunde sollen ein für alle Mal abgeschossen werden, bevor die ersten Bürger eine Kugel im Kopf haben«, sprach der Wirt wieder an Nell gewandt.
»Oder Zähne im Hintern«, warf Victor erneut völlig überflüssig ein.
»Und das ist Craven fünfzig Pfund pro Pelz wert?«, fragte Nell. Bisher hatten die Hunde nur einen Toten auf ihrem Konto, aber die Stimmung heizte sich mit jeder Sichtung weiter auf. Und dann waren da ja noch diese Mumien…
»Nun ja, anscheinend schon. Bei der Kohle kommt doch jeder heran gekrochen, der ein Schießeisen halten kann. Ich hab gehört, dass sogar ein Bärenjäger aus Sibirien in der Stadt ist. Fünfzig Pfund Sterling ist eine Menge Holz«, sagte Victor.
Genauso wie für mich, fügte Nell in Gedanken hinzu. Sie brauchte wirklich dringend Geld und sie musste unbedingt wissen, ob mehr hinter diesen Hunden steckte. Entweder war sie am Ende schlauer oder reicher; im besten Fall beides.
»Habt ihr eine Vermutung, warum ausgerechnet dieser Sir Jones getötet wurde?«, fragte sie.
Victor nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und hob eine Schulter. »Keine Ahnung. Interessiert mich nicht, was der Mistkerl für Probleme hatte.«
»Wer war dieser Jones?«
»Ein reicher …«, begann Quinn, aber Victor fiel ihm energisch ins Wort:
»Geldgeiler Sack!«
Quinn ignorierte die Unterbrechung und redete einfach weiter: »… Immobilienbesitzer. Er hatte überall in England seinen Besitz, auch hier in Fenhole.«
»Und ist über Leichen gegangen, um zahlungsunfähige Mieter rauszuekeln«, schnaubte Victor.
»Victor, es reicht«, knurrte Quinn genervt.
»Ist doch wahr! Alle gleich, dieses Pack.«
»Könnte sich jemand deshalb so gerächt haben?«, fragte Nell weiter.
Quinn blies die Backen auf. »Ich kannte Sir Jones nicht persönlich. Es haben sich zwar viele beschwert, aber ich habe nichts davon gehört, dass jemand Rachepläne schmiedet.«
»Der war korrupt.« Victor leerte sein Glas und knallte es auf den Tresen. »Wie alle reichen Schnösel.«
»Die einen oder anderen sind es.« Quinn war es zunehmend anzusehen, dass ihm Victors Wettern auf die Nerven ging und er bemühte sich, ruhig weiterzusprechen.
»Die gehen damit doch nicht hausieren. Mensch Quinn. Nenn mir einen der reichen Säcke hier in Fenhole, der nicht korrupt ist!«, regte sich Victor weiter auf. »Die kriegen doch ihr Maul nicht gestopft. Geld, Geld, immer mehr Geld. Jones hätte seine tote Mutter ausgebuddelt …«
»Victor!« Quinn wurde laut, aber Victor polterte weiter:
»… und verkauft, wenn man ihm genug Geld geboten hätte.«
Nell sah stumm zwischen beiden hin und her. Manchmal war es sehr amüsant, anderen beim Aufregen zuzusehen. Aber dass Victor hier so viel heiße Luft verbreitete, nutzte ihr nichts.
»Und ich sag dir, Quinn, irgendwann reicht es den Menschen, dann knüpfen sie diese Sklaventreiber auf. Dann, ich sag dir, dann steh ich da vorne und …«
»Wann soll es morgen denn losgehen?«, unterbrach Nell. Das Genörgel über die Reichen konnte er seinen Kneipenkumpels erzählen.
Quinn schien direkt erleichtert. Es war wohl nicht das erste Mal, dass sich Victor so in Rage redete. »Gleich um fünf Uhr in der Frühe am Nordtor der Stadt.«
Im Dunkeln und dann in ein nebelverhangenes Moor hinein? Das hinterließ bei Nell einen ganz bitteren Beigeschmack. »Gut«, antwortete sie nur.
»Sie wollen doch nicht etwa mit auf die Jagd?«, fragte Quinn skeptisch.
»Warum denn nicht?«, fragte Nell zurück und hob herausfordernd das Kinn.
Quinn hob abwehrend beide Arme. »Ich mein ja nur. Das kann ziemlich gefährlich werden und Sie sind verheiratet.«
»Ja, und?«
»Na, so lang dein Mann da nichts gegen hat«, amüsierte sich Victor.
»Mein Mann hat da sicher nichts gegen«, erwiderte Nell in derselben Tonlage wie Victor. Jetzt war es wirklich Zeit, die Gesprächsrunde zu verlassen, bevor Victor noch vorlaut wurde. Sie bezweifelte zwar, dass Quinn sich nachträglich über die Lüge aufregte, denn bezahlt war bezahlt, egal von wem, aber sie wollte nichts riskieren.
»Ich komme mit und meine Gründe bleiben privat«, beendete sie das Gespräch, und nahm ihren Seesack zur Hand. »Wir sehen uns dann spätestens morgen früh.«
»Ich hoffe doch noch vorher. Immerhin schuldest du mir noch drei Schilling!«, sagte Victor grinsend. Nell rollte mit den Augen und beeilte sich die Treppe hochzugehen.
Dort angekommen blieb Nell vor dem Einzelzimmer stehen und zögerte. Wenn sie schon die Lüge in die Welt setzte, dass sie verheiratet sei, musste sie es auch durchziehen.
Sie seufzte und ging weiter zum Doppelzimmer, welches trotz seiner altmodischen Einrichtung eigentlich ganz gemütlich war. Das Bett war schon leicht durchgelegen, aber es war sauber und das war ein Luxus, den Nell zu schätzen gelernt hatte. Am Fenster stand ein einfacher Holztisch mit zwei ebenso einfachen Holzstühlen. Der Schrank war zweckmäßig und schnörkellos. Hinter einer weiteren sehr schmalen Holztür befand sich ein winziges Zimmer mit Waschtisch und einer kleinen Blechwanne, die höchstens Platz für ein Sitzbad bot. Dafür aber in warmem Wasser! Alleine der Gedanke daran war herrlich. Diana und Cole würden bestimmt noch eine Weile brauchen, also genug Zeit, um sich in der Wanne zu entspannen.
Sie schmiss ihren Seesack auf das Bett und warf sich selber gleich daneben. Nur kurz liegen, dann baden.
Nur einen kleinen Moment ausruhen…
***
Die Augen waren schwarz wie die Nacht, so schwarz, dass sie sogar das helle Mondlicht in sich aufzusaugen schienen. Mit einem Fauchen sprang die Kreatur ihr entgegen.
»Nell?«
Was?
»Nell!«
Es klopfte.
»Nell, sind Sie da?«
Nell schlug die Augen auf und blickte an eine Holzdecke. Das sie sich seit sechzehn Jahren immerzu im Kreis zu drehen schien, forderte immer mehr Tribut. Jeder Tag schien gleich, ohne Hoffnung auf Erkenntnisse, sodass ihre Erinnerungen langsam begannen ineinander zu verschmelzen. Sie brauchte erneut einen Moment, um sich zu orientieren.
Fenhole, Ironpan. Wieder wurde an der Tür geklopft.
»Ja. Ja, ich bin wach«, nuschelte sie und richtete sich auf. Verdammt, sie war eingeschlafen. Dabei hatte sie doch baden wollen.
»Ich hab doch gesagt, dass sie hier ist.« Die Stimme gehörte Diana. Eine männliche Stimme brummte vor sich hin, hörbar ungehalten. Cole.
Oh Mist, da war ja noch was! Ob Quinn ihm wohl schon die frohe Botschaft übermittelt hat, dass seine Frau schon auf dem Zimmer sei?
»Sie kann das bestimmt begründen«, redete Diana leise zu ihm.
Ja, hat er. Dann hatte Cole allen Grund schlecht gelaunt zu sein. Aber es half nichts. Nell würde ihm irgendetwas erklären müssen, wenn sie weiter an seinen Ermittlungen teilhaben wollte. Sie war es leid, ständig hinter irgendwelchen Schatten herzulaufen. Daher war ihr klar, dass sie sich dieses Mal nicht einfach aus der Verantwortung stehlen konnte.
Irgendwas fällt mir schon ein, dachte sie und ärgerte sich weiter über das verpasste Bad. Wie spät es wohl war? Im Zimmer gab es keine Uhr und sie selber besaß schon lange keine mehr. Durch die Dielen drückte sich ein Gewirr aus Stimmen, Gelächter, Musik und dem Geruch von kräftigem Eintopf. Es musste schon später am Abend sein.
Schnaufend schob Nell sich aus dem Bett und öffnete die Tür. Cole, der direkt hinter Diana stand, war alles andere als gut gelaunt. Er blickte sogar außerordentlich finster unter seinem Zylinder hervor und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Laune mochte zwar gerechtfertigt sein, aber es tat Nell kein wenig leid, dass sie Cole einfach so für ihre Lüge benutzt hatte. Würde sie sich für jede Lüge in Grund und Boden schämen, wäre sie schon hunderte Meilen im Erdinneren versunken.
»Hallo Cole«, grüßte sie fröhlich.
»Wir müssen reden«, knurrte er.
»Klar.« Nell trat zur Seite, damit die beiden ins Zimmer konnten.
»Wieso haben Sie das getan?«, empörte er sich sofort. »Sie können sich nicht einfach als meine Frau ausgeben. Das ist inakzeptabel!«
»Ist doch nicht so wild«, winkte Nell ab und versuchte, mit ihrer Lockerheit die Situation zu entspannen. »Meinst du das kontrolliert jemand. Oder hat irgendjemand im Polizeirevier Heiratsurkunden verlangt?«
Diana schmunzelte und verbarg ihren Mund unter der dezent vorgehaltenen Hand.
»Darum geht es gar nicht!« Cole wurde lauter. »Es geht ums Lügen!«
»Es hat doch niemand Schaden genommen, oder?« Nell konnte Coles Ärger ja schon irgendwie verstehen, aber sie würde jetzt garantiert nicht zugeben, dass sie Coles Nachnamen aus Geldmangel angegeben hatte. Wäre Victor nur ein paar Minuten eher gekommen, um ihr Geld zu leihen, hätte es gar nicht dazu kommen brauchen. Aber nun war es nicht zu ändern.
»Sie erhoffen sich eine Zusammenarbeit und verbreiten gleichzeitig Lügen in der Welt!«, schimpfte Cole weiter. »Ich kann doch nicht hier her kommen, bei einem wichtigen Fall mithelfen und auf der anderen Seite gute Miene zu Ihrem Lügengespinst machen.«
»Das wissen nur zwei weitere Personen neben uns dreien. Jetzt reg dich nicht so auf«, brummte Nell.
»Nein!«, bellte er.
Diana zuckte etwas bei dem unerwartet scharfen Ton zusammen und schielte zu Cole hinüber.
»Das wird sofort klargestellt. Wir gehen jetzt dort runter und Sie erklären, dass wir nicht verheiratet sind!«
Jetzt übertrieb der aber. »Ernsthaft?« Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah Cole herausfordernd an. Er konnte ja versuchen, sie zu zwingen. Ja, niemand wurde gerne angelogen, aber das Leben war hart – auch für feine Ermittler aus Windchurch!
»Ich will nicht wissen, worin Sie mich noch belogen haben! Wie soll ich Ihnen vertrauen?«, beschwerte sich Cole weiter.
Es fiel Nell so unsagbar schwer, sich bei anderen zu entschuldigen. Für sie war es in erster Linie das Eingestehen von Schwäche und sie durfte nicht schwach sein, denn das Leben auf der Straße strafte Schwäche bei jeder Gelegenheit.
»Ja ja, ich stell das klar«, beschwichtigte sie ihn, damit sich der Typ endlich etwas beruhigen konnte. Der Bitte nachkommen würde sie aber nicht. War doch nicht ihr Problem, dass er sich so darüber aufregte.
Wenn ich nicht so dringend seine Hilfe bräuchte, würde mir sein Gezeter am Arsch vorbei gehen, dachte sie.
Cole holte Luft zum Protestieren, aber Diana meldete sich vorsichtig zu Wort, als sie ihren Koffer auf das Bett hob. »Lass uns deswegen jetzt bitte nicht den ganzen Abend ruinieren.« Sie öffnete ihr Gepäck und begann sauber zusammengefaltete Kleider herauszuholen. »Wir sind alle gestresst und müde von der Reise. Und heute Abend wird schon nichts passieren.«
Nun ja, außer Victor erscheint gleich und verlangt sein Geld zurück.
»Du unterstützt das auch noch?«, grollte der Ermittler entrüstet.
»Nein, aber ich finde, dass morgen auch noch ausreicht. Bitte Cole, ich möchte einen ruhigen Abend verbringen, die Zugfahrt war lang und unbequem und das Wetter ist schlecht. Alles, was ich jetzt möchte, ist ein warmes Abendessen und dann ins Bett«, bat Diana.
Für einen Moment sah es tatsächlich so aus, als ob Cole sich lieber weiter aufregte, doch es genügte ein hinreißender Augenaufschlag von Diana, um seine Sturheit in Pudding zu verwandeln.
»Morgen«, gab er klein bei und warf Nell dennoch einen mahnenden Blick zu. »Keine Lügen mehr.«
Sie hob unschuldig die Hände. »Klar, natürlich.« Die Geldschulden verschwieg sie besser und hoffte, dass es lange genug unterm Tisch blieb. Im Besten Fall erlangte sie bei der Jagd tatsächlich ein Hundefell. Dann waren ihr Geldsorgen Geschichte!
Cole sah mit mürrischer Miene den Flur hinauf und hinunter. »Wo ist mein Zimmer?«
Nell reichte ihm wortlos den Schlüssel, an dem das Holzschild mit Zimmernummer baumelte und schloss hinter ihm die Tür. »Er ist ein bisschen empfindlich, oder?«, fragte sie Diana.
Diese lächelte ein wenig verlegen und huschte in das kleine Bad, wo sie anfing, ihre Haare zu richten. »Ach, machen Sie sich nichts daraus«, meinte sie. Nell blieb in der Tür stehen und fragte sich, was Diana da noch richten wollte. Ihre roten Locken fielen makellos über ihre Schultern und umrahmten ihr schönes Gesicht wie ein Gemälde. Jede andere Frau wäre vermutlich vor Neid erblasst und zerknirscht musste sich Nell eingestehen, dass sie sich da nicht ausschließen konnte. Sie selber hatte weder so schöne wallende Haare noch so einen wundervoll geformten Körper. Dafür hatte sie mehr Muskeln als die Durchschnittsfrau – und mehr Narben.
Aber mit Diana tauschen würde sie nie wollen, denn sie war stolz auf ihre Kampfkünste. Jedoch erwischte Nell sich ab und zu dabei, wie sie zu Frauen in prachtvollen Kleidern schielte. So etwas hatte sie noch nie getragen und schön fand sie die auch nicht. Doch sie sangen ein Lied von Unbeschwertheit und einem Leben ohne Sorgen.
Einen Tag lang sorgenfrei sein. Ja, das wäre ein Wunsch von Nell.
»Cole hatte eine problematische Scheidung. Ich glaube, er mag das Thema Ehe im Moment noch nicht«, erzählte Diana, während sie ihre Haare mit feinen Haarnadeln hochsteckte.
Nell lachte. »Ich will ihn doch nicht heiraten.«
»Das weiß er auch«, schmunzelte sie. »Es geht ihm nur ums Lügen. Er hatte eine sehr hässliche Scheidung, bei der viele Lügen über ihn verbreitet wurden.«
»Was ist passiert?«
»Cole hat nicht so viel darüber erzählt, aber seine Frau hatte ihm vorgehalten, das er nur privater Ermittler geworden war um sich mit anderen Frauen treffen zu können. An dieser Geschichte hatte sie festgehalten und es auch nach der Scheidung weiter verbreitet, dass er ein Betrüger sei, der Frauen nachstellte. Zuletzt liefen Coles Geschäfte schlecht, was er auf die Lügen seiner Ex-Frau schob.«
Nell rollte mit den Augen. »Ach du liebe Zeit.« Da hatte er ziemlich Pech gehabt. Entschuldigen würde sich Nell dennoch nicht. Nach ihrer Zusammenarbeit, würde jeder wieder seine Wege gehen. Damit würden Cole und Diana nur blasse Gesichter auf einer ihrer vielen Stationen im Leben werden. Für Nell also kein Grund ihre Prinzipien zu überdenken.
»Er beruhigt sich schon wieder«, versicherte Diana und zog noch ihren Kragen zurecht. »Ich bin so weit. Holen wir Cole ab.« Sie sah hinreißend aus und für den Fall, dass sich einer der Herren unten in der Gaststube nicht benehmen konnte, hatte Nell immer einen Dolch dabei.
***
Unten in der Gaststube hatten sich an fast allen Tischen Männer und Frauen niedergelassen, sodass es nur noch wenige freie Plätze gab. Direkt an der Bartheke spielten Musiker ein fröhliches Tanzlied auf Geige und Gitarre und die betrunkenen Gäste an den umliegenden Tischen schlugen im Takt ihre Hände auf die Holzplatten.
Die Stimmung war ausgelassen, fast so, als würden sie alle wissen, dass die nahende Jagd kein gutes Ende nehmen würde, und sie jetzt gegen ihre Angst ansangen.
Kaum hatten Nell, Diana und Cole den Speisesaal betreten, grölten einige angetrunkene Männer in ihre Richtung und hoben die Bierkrüge, wobei zwei von ihnen auch pfeifend Diana begrüßten und ihr Luftküsse zuwarfen.
Diana lächelte wegen der plumpen Anmache verlegen und Cole schob sich vor sie, um sie ein wenig vor den Blicken zu schützen. Nell sah das noch gelassen, da sie diese Situationen schon unzählige Male erlebt hatte. Je betrunkener die Gäste, desto dümmer die Annäherungsversuche. Spätestens, wenn denen ein Dolch über die Eier kratzte, würden die sich an ihre gute Erziehung erinnern und sitzen bleiben.
»Nell!«
Sie suchte die Person zur Stimme und erkannte Victor, der aufgestanden war und ihr zuwinkte.
Was hab ich für ein Glück, dachte sie sarkastisch. Jetzt hockte der doch hier herum und erwartete sein Geld zurück.
Mit ihm am Tisch, auf dem sich neben etlichen leeren Bierkrügen auch noch zwei gefüllte tummelten, saßen drei weitere Männer, von denen Nell aber nur den Rauschebart wiedererkannte. Es dauerte ein paar Herzschläge, bis ihr der Name einfiel – Greg. Der zweite war ein Riese mit einem gewaltigen Lachen, welches sogar den gesamten Lärm im Restaurant zu übertönen vermochte. So ein Gigant war Nell in ihrem Leben noch nicht begegnet und sie fragte sich, wie er es durch die Tür geschafft hatte. Sogar der große Bierkrug wirkte in seiner Hand wie eine kleine Kaffeetasse. Sein rundes, von Lachfalten durchzogenes Gesicht mit ausgeprägtem Doppelkinn zierte ein gepflegter grauer Backenbart. Das restliche Haar verbarg er unter einem Porkpie Hut. Er trug eine weite Lederweste, aus der sein ebenso großer und runder Bauch heraushing und die Hemdknöpfe an ihre Belastungsgrenze brachte.
Der letzte Mann am Tisch, einer mit langen fettigen Haaren, hatte offensichtlich zu viel getrunken und war mit dem Kopf auf den Armen eingeschlafen.
Nell würde am liebsten irgendwo anders freie Plätze suchen. Aber sie sollte es sich mit Victor auch nicht verscherzen. Er würde mit zur Jagd gehen und Nell hatte wenig Interesse daran, dass der Kerl sie ins nächste Moorloch stieß, weil sie ihre Schulden nicht bezahlte. Für viele Leute waren drei Schilling viel Geld. Das wusste sie selber nur allzu gut. Seufzend ging sie zu ihm.
»Setzt euch!«, rief Victor und schubste den Besoffenen vom Stuhl. Der war so voll, dass er zu Boden rollte und einfach weiterschnarchte.
»Das ist Billy G. Hutch«, stellte Victor den Riesen vor. »Und Greg Treeman.« Der Rauschebart nickte zur Begrüßung.
»Mein Name ist Diana Flanagan«, stellte sich Diana mit einem charmanten Lächeln vor.
»Und das ist bestimmt Mr. Miller Shepard.« Victor drehte sich demonstrativ zu Cole.
»Der bin ich wohl«, antwortete der zähneknirschend und zog zwei Stühle für sich und Diana heran.
»Sie tragen aber einen schicken Anzug, Mister Ermittler«, stichelte Victor sofort los.
»Spielt das eine Rolle?«, fragte Cole kühl.
»Haben Sie keine Angst, dass er schmutzig wird?« Victors Stimme war schwer vom Alkohol und in diesem Zustand schien er nur darauf zu warten, dass Cole ihm einen Grund zum Streiten gab.
»Lass gut sein, Victor. Hier! Sie haben garantiert Durst!« Hutch stellte einen bisher unangetasteten Bierkrug mit Schwung vor Cole auf den Tisch, dass der Schaum herausspritzte.
»In der Tat«, sagte Cole mühsam beherrscht. Er wischte sich den Bierschaum von seinem Jackett und schob den Bierkrug wieder etwas von sich weg.
»Ach kommen Sie, Pete hat den nicht ein Mal angefasst«, grinste der Riese und nickte dabei zum Schnarcher am Boden.
»Du darfst entweder nur Schnaps oder nur Bier saufen, beides zusammen haut dich vom Hocker«, bestätigte Greg mit wichtigem Kopfnicken, als wenn er seinem Enkel grade Lebensweisheiten beibrächte.
»Nein danke, ich möchte nicht«, lehnte Cole erneut ab.
»Was? Zu fein zum Saufen?«, stichelte Victor fröhlich weiter.
»Ich bevorzuge Wein oder Whisky«, erklärte Cole sachlich.
Nell rollte mit den Augen. »Stell dich nicht an.« Dieser Miesepeter hatte wohl an allem etwas auszustzen.
Cole strafte sie mit einem mürrischen Blick, nahm aber den Bierkrug zur Hand und trank endlich, wobei er das Gesicht angewidert verzog.
»So, bitte, sind die Herren nun zufrieden?«, maulte er vor sich hin und schob den Krug auf Armlänge weg.
Eine Bedienung kam zum Tisch, um die leeren Krüge abzuräumen.
»Ein Bier bitte!«, gab Nell gleich eine neue Bestellung auf.
»Für mich bitte Rotwein«, bestellte Cole und wandte sich Diana zu, die sich sichtbar unwohl fühlte. »Meine Liebe, was-«
»Quatsch, für alle ein Bier! Die nächste Runde geht auf ihn da!« Victor zeigte auf Cole.
»Was?«, erboste der sich.
»Mach einfach.« Nell stieß Cole mit dem Fuß an. »Nur diese eine Runde.«
»Wir zwei, wir haben noch ein Wörtchen miteinander zu reden«, grollte der Ermittler.
»Kein Problem«, flötete Nell fröhlich. Damit bezahlte der Ermittler die Schulden bei Victor, ohne es zu wissen, und sie selber bekam noch eine Gnadenfrist, an Geld zu kommen.
Cole holte ein Taschentuch hervor und wischte sich den Bart sauber. »Meiner Meinung nach ist es nicht ratsam, vor der Jagd so viel zu trinken.«
»Was ist schon an ein oder zwei Bier dran?« Nell hob die Achseln. Sie würde sich jedenfalls nicht so besaufen wie die anderen Gäste hier. Wenn die sich dann selbst erschossen, war das nicht ihr Problem.
»Soll das eine Moralpredigt werden?«, fragte Victor bissig und bekam die Pranke von Hutch auf die Schulter gelegt. Das brachte ihn zum Schweigen.
»Zu einer erfolgreichen Jagd gehört ein ordentlicher Schluck Bier. Das lockert die Gelenke und macht aufmerksamer«, tat Greg seine Lebensweisheit mit erhobenem Zeigefinger kund.
»Eigentlich werden die Reflexe langsamer und bei der Kälte kühlt der Körper schneller aus. Es ist also wahrscheinlicher, betrunken im Moor zu erfrieren, als einen Hund zu treffen«, murmelte Diana leise, sodass Greg es nicht hörte.
Hutch leerte seinen Bierkrug und betrachtete den Becher nachdenklich, dann verzog er resignierend die Mundwinkel. »Man kann sich die Jagd auch schönsaufen.« Die Bedienung kam und stellte sechs neue Bierkrüge auf den Tisch. Seine Miene hellte sich schlagartig auf. »Prost Männer!«
»Und Damen«, ergänzte Victor und stieß mit allen am Tisch an. »Und die Dame hier?« Er zeigte mit seinem Bierkrug auf Diana, die ihrerseits das Bier an den Lippen hatte und mit großen Augen über die Schaumkrone in die Runde sah. Ihr war deutlich anzusehen, dass sie sich nicht wohlfühlte, als nun alle Aufmerksamkeit auf ihr ruhte.
»Was sind Sie von Beruf, dass Sie es nach Fenhole treibt?«, fragte Victor amüsiert.
»Ich seziere Leichen«, antwortete Diana kurz und knapp und das in einer Beiläufigkeit, wie andere erzählten, dass sie hauptberuflich Fenster putzten. Greg, Hutch und Victor sahen sie an, als hätten sie grade ein fliegendes Schwein gesehen.
Greg bekreuzigte sich.»Sakrileg!«
»Donnerwetter!« Hutch klopfte mit der flachen Hand auf den Tisch. »Das hätte ich nicht erwartet.«
Diana wurde auf ihrem Stuhl etwas kleiner, da ihr der plötzliche Rummel um ihre Person unangenehm war.
»Sie schneiden an Toten herum? Und davon kann man leben?«, fragte Victor sofort weiter.
»An mir schneidet niemand herum, wenn ich mal das Zeitliche segne!« Greg hob den Zeigefinger. »Der Menschenkörper ist ein Tempel!«
»Vielleicht ein Tempel für deine Läuse, Greg!« Hutch lachte so laut, dass er kurzzeitig sämtliche Geräusche um sie herum übertönte.
»Warum sezieren Sie Leichen?« Victor legte dabei die Stirn in Falten, als wenn er sich nicht sicher wäre, ob Diana sich womöglich versprochen hatte.
»Um Mordfälle aufzuklären«, erklärte Diana knapp.
»So?«
»Eine Leiche braucht je nach Umgebung eine bestimmte Zeit zum Verwesen. Der Fundort und Verwesungszustand gibt mir Hinweise auf den Todeszeitpunkt, und eine Verletzung kann auf eine bestimmte Waffe hindeuten. Somit kann der Mord relativ gut rekonstruiert werden«, erklärte Diana.
»Mit diesem Wissen kann ich während einer Ermittlung mögliche Verdächtige ausfindig machen«, brachte sich Cole erklärend ein und lenkte die Aufmerksamkeit von Diana weg.
Victor sah zwischen beiden hin und her. »Seid ihr Arbeitskollegen?«
»Wir arbeiten nun seit etwa zwei Jahren zusammen«, bestätigte Cole.
»Das funktioniert? Also den Mörder finden, wenn man in einer stinkenden Leiche herumwühlt?«, fragte Victor mit hochgezogener Augenbraue.
»In vielen Fällen schon«, antwortete Cole und warf Diana dabei einen fragenden Blick zu, ob sie auch etwas dazu beitragen wolle. Doch sie nickte nur zustimmend, weshalb Cole weiter sprach: »Mr. Flanagan soll mir mit ihrer Expertise dabei helfen, die mysteriösen Morde in Fenhole aufzuklären.«
»Ja, Ihre Frau hat schon gesagt, dass Sie wegen der Mumien hier sind«, sagte Victor und nickte, »aber Ihre Frau schien eher an den Hunden interessiert.«
Verdammter Mistkerl!
»Ja.« Cole sah aus, als ob er mehr sagen wollte, weshalb Nell schon den Fuß zum Tritt erhoben hatte. Doch es folgten keine weiteren Worte.
Mit den Hunden wurde aber genau Gregs Thema angesprochen, so dass er die Situation entschärfte, bevor sie sich hochschaukeln konnte. »Diese Hunde, die habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen!«, rief er.
»Du hast Wildschweine gesehen, Greg«, korrigierte Hutch.
»Ich weiß sehr genau, was ich gesehen habe!«, beschwerte sich der Alte. »Riesige Bestien waren das. Ich sag euch, die hat der Teufel geschickt!«
»Ach, auf den solltet ihr nicht hören.« Hutch winkte ab. »Da sieht jemand im Nebel einen großen Hund, erschreckt sich und weil ihm das peinlich ist, dass er sich von einem gewöhnlichen Hund beinahe in die Hosen geschissen hat, erzählt er überall herum, dass das eine Höllenbestie war. Und der Nächste dichtet noch ein paar glühende Augen hinzu. Das sind doch alles Spinnereien.«
»Hutch, das war echt!« Greg zeigte mit seinem knochigen Finger auf den Riesen, als wenn er ihn bedrohen wollte, damit er ihm endlich Glauben schenkte. »Du wirst das morgen sehen.«
»Pfff.« Hutch winkte ab. »Das Einzige, was wir finden werden, sind Wildschweine.«
»Warum kommst du dann mit, wenn du den Geschichten nicht glaubst?«, fragte Nell ihn.
»Ich jage Wildschweine«, erklärte Hutch. »Wenn morgen dutzende Männer durchs Moor stampfen, scheuchen die garantiert einige Rotten auf, die mir dann hoffentlich vor die Flinte laufen.«
»Darauf ein Prost!« Victor hob seinen Krug. »Morgen geht’s den Viechern an den Pelz. Ich muss dringend meine Hauskasse auffüllen. Also zwei Hunde sollten schon drin sein.«

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