04 – Brandsstifter
17. November 1904
Dicker, feuchter Nebel zog durch die Straßen und benetzte jede Oberfläche mit dicken Tropfen, die wie geisterhafter Regen von Traufen und Laternen perlten und zu großen Pfützen auf Straßen und Wegen zusammenflossen.
Zu dieser frühen Stunde war kein anständiger Bürger unterwegs, bis auf einige verspätete Jäger, die sich nun beeilen mussten, um den Start der Jagd nicht zu verpassen.
Der Mann an der Kreuzung fiel dabei niemandem auf.
Sein brauner Mantel und der große, Schlapphut ließen ihn fast gänzlich mit der Dunkelheit verschmelzen, sodass auch sein Gesicht nur ein schwarzer Schatten war. In seinem Mundwinkel hing eine kleine, schlichte Pfeife, die er immer wieder nervös von der einen zur anderen Seite schob, auch mal herausnahm und auf den kalten Tabak schaute, als wenn er hoffte, damit die Zeit verstreichen lassen zu können.
Schließlich holte er Streichhölzer aus seinem Mantel und entzündete den Tabak in der Pfeife. Nur für diesen kleinen Moment, als die Flamme am Hölzchen aufloderte, war sein Gesicht mit den dunklen Augenringen zu sehen. Sorgenvoll blickte er die Straße entlang, ob sich irgendwo ein unerwünschter Zeuge zeigte. Nebelwasser tropfte von seinem Hut, während er Rauch langsam aus Mund und Nase ausatmete. Er schniefte, zog hörbar Rotz die Nase hoch und spuckte aus.
»Was dauert das denn so lange?«, murmelte er nervös und wandte sich dem Postamt zu, vor dem er Wache hielt. Tagsüber hatte es auf der Straße vor Leben gebrummt wie in einem Bienenstock, aber jetzt versank alles in vollkommener Schwärze.
Dann sah er das Auflodern eines Feuers in den schmalen Fenstern des Telegraphenturms, aus dessen Spitze zahlreiche Kabel in der Nacht verschwanden.
»Na endlich«, murmelte der Mann und schlug den Kragen seines Mantels hoch. Aus einer anderen Straße hallten Pferdehufe herüber und alarmiert sah er die Straße entlang. Eine Kutsche mit gelben Laternen am Kutschbock erreichte die Hauptstraße in einiger Entfernung, bog aber zum Glück in die andere Richtung ab, wo sie wieder in der Dunkelheit verschwand.
Auf Polizisten musste der Mann weniger achten, denn ihr Auftraggeber hatte versichert, dass sich die Gesetzeshüter am Nordtor aufhalten würden, um die Jagdgesellschaft zu überwachen.
Damit schlug die Stunde für solche Leute wie ihn, die aus einem ganz bestimmten Grund hier waren.
Für den Mann selber spielte die Art des Auftrags keine Rolle, ihn interessierte nur die Bezahlung.
Aus der Kellertür des Postamtes kamen drei Gestalten gelaufen. Zwei von ihnen trugen Laternen in der Hand. Sie alle hatten sich in schwarze Mäntel gehüllt und verdeckten ihre Häupter mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen oder Hüten. Sie eilten herüber und wortlos schloss sich der Schmiere stehende Mann ihrer Flucht an. Die nächsten Straßen brachten sie laufend hinter sich, bis sie sich langsam dem vereinbarten Treffpunkt näherten. Dieser lag im nördlichen Viertel, nicht so weit vom Nordtor entfernt.
Ihr Auftraggeber stand am Ende der Gasse, in der zahlreiche große Fässer aufeinandergestapelt gelagert wurden. Wie bei ihrem ersten Treffen in der Kneipe, verbarg er sich hinter einem breiten, grauen Schal und einem tief ins Gesicht gezogenen Hut. Aber er war ein Bär von einem Mann, dessen Mantel sich um seine breiten Schultern spannte, wie bei einem mit Steinkohle gefüllten Sack.
Neben ihm auf dem Boden stand eine Petroleumlampe, deren trübes Licht lange, dunkle Schatten in der Gasse warf. In der einen Hand hielt der Auftraggeber eine Ledertasche, die andere hatte er im Haar einer gefesselten Frau vergraben. Sie war geknebelt und die Augen waren mit einer von Tränen durchnässten Binde verdeckt. Leise schluchzte sie vor sich hin.
Für einen kleinen Moment regte sich Mitleid in dem Mann, aber ärgerlich wischte er es weg. Jeder nahm sich, was er kriegen konnte. Für Weichherzigkeit war in diesem Milieu keinen Platz.
»Ihr hattet Erfolg?«, fragte der Auftraggeber.
»Der ganze Schuppen brennt bald lichterloh«, versprach der Mann mit der Pfeife. »Niemand hat uns gesehen.«
»Gut.« Der Auftraggeber ließ die Tasche vor sich auf den Boden fallen. »Wie vereinbart. Achtzig Pfund und dieses Apfeltörtchen als Zusatz.« Er drehte den Kopf der Frau, um sie besser zu präsentieren, und ließ sie los. Sofort versuchte sie wegzukriechen, aber ein Kollege, der einige Pfunde zu viel auf den Rippen hatte, schritt zügig heran und verhinderte jeden Fluchtversuch.
Der Auftraggeber wandte sich zum Gehen. »Wenn ihr die Augenbinde abnehmt, bringt sie danach zum Schweigen, sonst bringe ich euch zum Schweigen.« Die Warnung war eindeutig und alle vier tauschten vielsagende Blicke. Niemand hier würde es riskieren, den Fremden zu verärgern. Zudem war der Auftrag äußerst lukrativ gewesen, und wer so viel Geld springen ließ, der hatte noch viel mehr Geld. Die vier hofften natürlich, dass sie sich durch ihre loyale Arbeit bei ihrem Auftraggeber genug Ansehen verdient hatten, dass er ihre Dienste alsbald erneut in Anspruch nehmen würde.
»Ich hoffe, wir haben das zu Ihrer Zufriedenheit erledigt«, rief der mit der Pfeife ihm nach.
»Selbstverständlich«, antwortete der Auftraggeber noch, bevor er mit der Dunkelheit verschmolz. Sogleich öffneten die vier die kleine Tasche und zählten das Geld. Achtzig Pfund! Das waren zwanzig für jeden und ein kostenloser Fick als Bonus dazu. Konnte der Tag noch besser werden?

Leave a comment